Es war ja der erste Weihnachtsabend, den er im Leben gefeiert; in der Stube war noch der Harzduft des ersten Christbaums, in dessen Lichterglanz er geschaut hatte. Wie schade, daß das alles so schnell vorübergegangen war, fast ehe er sich recht hatte besinnen können! Nein, noch nicht einschlafen, noch eine Weile liegen und sich still weiter freuen ...
Bald holte er sich die Genossin seiner Leiden und Freuden heran, seine Geige. Stillfroh spielte er mit den Fingern auf dem einsamen, dunklen Krankenlager die lieben, alten Weihnachtsweisen, die um dieselbe Stunde wohl durch Hunderttausende froher, heller Christenhäuser schallten. So schlummerte er zuletzt ein, die treue Freundin im Arm und stille Weihnachtsfreude im Herzen.
Es folgten schwere Tage und Wochen für den Kranken. Manche Stunde blieb ihm nichts als stillhalten und leiden. Aber im tiefsten Grunde blieb er immer froh und dankbar. Denn er konnte leiden unter treuer Liebe Hut und Pflege.
Was hatte der arme Junge in einem kurzen Leben von Liebe erfahren! Eine dunkle Erinnerung aus den ersten Lebensjahren sagte ihm, daß er einmal warm in Mutterarmen geruht hatte. Dann der kurze Maimond seines Lebens, da sein ganzes Wesen in Liebe aufgeblüht war. Dann noch die Freundlichkeit des Musiklehrers auf dem Seminar. Sonst war er ohne Liebe und einsam seine Straße gezogen. Nun hatte der dunkle, stürmische Tag doch noch seinen stillen, lichten Abend. Über den letzten Wochen seines zur Neige gehenden Lebens lag der warme Glanz treusorgender Liebe.
Wie gut sie alle im Hause sich auf die Behandlung des Kranken verstanden! Wenn es dem Leidenden lästig wurde, Menschen um sich zu haben, brauchte er es gar nicht zu sagen. An irgendwelchen Anzeichen merkten sie das und verließen leise das Zimmer. Und wenn er sich nach Gesellschaft sehnte, so dauerte es auch meist nicht lange, bis jemand kam.
Der Schuster sprach am liebsten über geistliche Dinge, und seine Gesellschaft konnte dem Kranken am ehesten drückend werden. Es blieb eben zwischen den beiden der Gegensatz zwischen rheinischer und niedersächsischer Art. Bei dem lebhaften Rheinländer ging es ganz nach dem Wort: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Der schwerfällige Niedersachse dagegen mußte sein Bestes und Tiefstes keusch im Busen verschließen. Er mochte und konnte nicht darüber reden. Diese Schweigsamkeit und das Fehlen eines Echos machte den Schuster manchmal bedenklich, ob es mit dem Seelenheil seines Pfleglings schon recht bestellt sei, und er sprach immer wieder über alles, was ihm dazu nötig schien. Peter lag dann meist mit geschlossenen Augen und nickte von Zeit zu Zeit, wenn ein Gedanke darunter war, den er als Baustein seines inneren Werdens, das in diesen Leidenszeiten nicht ruhte, gebrauchen konnte, oder ein Wort, das ihm für die dunklen Nachtstunden Trost versprach. Der gute Schuster brachte aber auch manches zutage, was Peter höchst wunderlich vorkam, ja was ihn wohl geradezu abstieß. Denn ganz konnte der Schriftgelehrte hinter der Schusterkugel die Finger von dem heiklen Gebiet der Theologasterei nicht lassen.
Am liebsten war ihm Linas Gesellschaft. Wenn das Mädchen an seinem Bett saß, das feine Gesichtchen über die Handarbeit gebeugt, wenn sie ihn fragend anblickte, ob er einen Wunsch hätte, wenn sie seinen fiebernden Lippen zu trinken reichte, dann konnte er sein Leiden fast vergessen. Hatte sie ihn so eine Zeitlang durch ihre stille Gegenwart erfreut, fühlte er meistens den Wunsch, ihre liebe Stimme zu hören. Dann bat er sie, ihm etwas vorzulesen, bald ein Stück aus der Heiligen Schrift, bald ein Gedicht, das ihm lieb geworden war, oder wonach er sonst gerade Verlangen trug. Dann lag er meist mit geschlossenen Augen; und wenn er auch oft zu schwach war, um den Inhalt des Gelesenen in sich aufzunehmen, so tat ihm doch der Klang ihrer Stimme schon wohl. Am Abend seines kurzen Tagewerks war es ihm eine stille Freude, daß er fast zwei Jahre an dieser lieblichen Menschenknospe Gärtnerdienste hatte tun dürfen.
Eines Nachmittags in der Dämmerung, als sie an seinem Bett saß und ihm lange vorgelesen hatte, ergriff er ihre Hand und hielt sie lange fest. »Die dritte,« kam es zuletzt leise über seine Lippen.
»Wie, Herr Lehrer?« fragte das Kind.
»Ach, Lina, ich dachte an etwas. Habe ich etwas gesagt?«