»Ja, Sie sagten: Die Dritte.«
»Ach so, ja; ja, ich dachte an etwas ...«
Er hatte daran gedacht, daß das Kind, dessen Hand er in der seinen fühlte, die dritte gewesen war in der Reihe der Frauengestalten, die ihm den Weg gezeigt hatten. Das letzte und, wie er empfand, tiefste und innerste Werden, das er erlebt hatte, konnte er sich ohne die Arbeit und Vertiefung, wozu ihn dieses Kindes Wesen gezwungen, gar nicht denken.
Die Frau des Schusters hielt es nicht, wie ihr Mann, mit vielen Worten. Dafür aber war sie die verständnis- und liebevollste Pflegerin. Wenn sie ihm das Bett machte, wenn sie ihm das Essen brachte und dem Appetitlosen freundlich zusprach, oder wenn sie ihn bei zu großer Schwachheit fütterte wie ein kleines Kind, immer hatte der Kranke das Gefühl, von Mutterhänden gepflegt zu sein. Ganz so, dachte er, würde seine eigene Mutter es auch machen, wenn sie noch lebte.
Peter sann in einsamen Stunden viel über sein Leben nach. Und da fiel es ihm auf das Gewissen, daß er einst mit einem so pietätlosen Wort von seinem Vater gegangen war. Er bat den Schuster, diesem von seiner Krankheit zu schreiben und ihn zu bitten, daß er seinen kranken Sohn einmal besuchte. Nach drei Tagen kam Harm Eggers an. Peter hatte sich vorgenommen, wegen jener häßlichen Abschiedsszene ihn um Verzeihung zu bitten. Aber er kam nicht dazu. Denn kaum hatte der Vater das abgezehrte Gesicht des Sohnes gesehen, so brach er in wildes, krampfartiges Schluchzen aus. Peter war tief ergriffen, daß dem Vater sein Leiden so zu Herzen ging, und fühlte auch, daß die kindliche Liebe trotz allem in seinem Herzen noch nicht erstorben war. Als aber der Vater sich gar nicht fassen konnte, sah er ihm scharf in die Augen und merkte, daß der Alkohol an diesem Gefühlsausbruch nicht unschuldig war. »Vader!« sagte er tieftraurig. Da fing dieser an, ihm zu versichern, daß er an seiner Krankheit keine Schuld habe. Die hätte er ganz allein von seiner Mutter geerbt. Aber er würde wohl bald wieder besser werden, denn er, der Vater, wäre so gesund, und die ganze Familie, und Trina, und die Geschwister wären alle so gesund, und Peters Urgroßvater wäre beinahe neunzig Jahre alt geworden und hätte alle Zähne mit in den Sarg gekriegt. Peter hatte sich gequält zur Wand umgedreht, und als der Vater im Weggehen ihn einlud, die Osterferien zu Hause zu verleben, antwortete er nicht. Die nächsten Stunden waren sehr schwer für den Kranken. Er mußte noch einmal seine verlorene, elende Jugendzeit in der Erinnerung durchleben und konnte den ganzen Tag keine Menschen um sich haben. Und auch in den nächsten Tagen kam immer wieder ein bitteres Gefühl über ihn, daß er so von dem Menschen, der ihm das Leben gegeben, hatte Abschied nehmen müssen.
Und dann, Anfang März, kam der Tag der letzten Kämpfe.
Als der Schuster an diesem Morgen an sein Bett trat, sagte der Kranke, matt zu Mignons Bilde deutend:
»Ich eile von der schönen Erde hinab in jenes feste Haus.«
»Herr Lehrer, diese Erde schön?« fragte der andere erschreckt. »Ein rechtes Jammertal ist sie.«
»Ja ... ja ... ein Jammertal ... und doch wunderschön ...«