Mutter Wencke war aufgestanden, nahm ein Buch vom Wandbrett und legte es, bei dem Lesezeichen aufgeschlagen, vor ihren Gebieter hin. Dann holte sie das Brillenfutteral von der Fensterbank, zog die Brille mit ihren zitterigen Fingern heraus, putzte sie an der Schürze und reichte sie handgerecht dem Alten. Hier geht's anders zu zwischen Mann und Frau, als zu Hause, dachte Peter.
Nachdem der Schulmeister mit etwas tremulierender Stimme eine kurze Abendbetrachtung vorgelesen hatte, hieß er Peter sein Bündel aufnehmen und stieg mit ihm eine knarrende Holztreppe hinan. Oben angekommen, führte er ihn in eine kleine Dachkammer. »So, mein Sohn,« sagte er, »hier hast du alles. Hier steht dein Bett, und da kannst du dich waschen, und da ist auch 'n Leuchter und Reißsticken, wenn du dir mal 'n Licht anstecken willst. Aber damit sei vorsichtig! Du wohnst hier unterm Strohdach. So, nun mach's dir in deinem Heim recht gemütlich und schlaf' wohl!« Damit ging er und knarrte mit seinen Filzpantoffeln die Treppe hinab.
Peter sah sich in dem Stübchen um. Es war in Wirklichkeit nur ein Bretterverschlag unter dem unverkleideten Strohdach. Bett, Tisch, Stuhl, Schemel mit Waschbecken nahmen drei Viertel des Raumes ein. Wer diese Stube ein elendes Loch nannte, brauchte noch nicht anspruchsvoll zu sein. Aber dem guten Peter lagen solche Gedanken himmelfern. In ihm fand des Schulmeisters Wort ein jubelndes Echo: Dein Heim, dein Heim! Die Gefühle, die beim Klang dieses lieben Wortes in allen heimseligen deutschen Menschenkindern wach werden, waren Peter bis auf diese Stunde fremd geblieben. Die väterliche Kate, in der er die schmutzige Stube mit sechs und die dumpfe Butze mit drei Menschen hatte teilen müssen, die ihm alle innerlich fremd und zum Teil feindlich waren, war ihm niemals ein Heim gewesen. Nun hatte er auf einmal eins, und es war ihm, als hätte er damit etwas gefunden, wonach er sich lange im stillen gesehnt hatte.
Gemütlich sollte er sich's in seinem Heim machen, hatte der Alte gesagt. Gemütlich? Das Wort hatte er noch nie gehört. Aber seinem Klange lauschte er ab, was es sagen wollte. Er zog das schwarze Röckchen aus und hing es an die Wand, vertauschte die engen, staubigen Stiefel mit bequemen Holzpantoffeln, baute die Bücher auf dem Tisch auf und wusch sich die Hände. Ei, wie wurde es da gemütlich! Zuletzt zündete er das Licht an. Wie freundlich sah jetzt erst das saubere Zimmerchen aus, mit den beiden Bildern an den Wänden und dem weißen Gardinchen über dem zweischeibigen Fensterfach! Peter rieb sich die Hände, zog den Kopf zwischen die Schultern und fand sein Heim urgemütlich.
Als er eine Weile die Freude über sein gemütliches Heim ausgekostet hatte, öffnete er das Fenster und sah hinaus. Von dem Garten drunten konnte er nichts deutlich erkennen. Die Nacht war völlig hereingebrochen. Dennoch blieb er, in den engen Rahmen gezwängt, lange im Fenster liegen. In der Stille, die um ihn war, in dem Dunkel, das nach all den Eindrücken dieses Tages keine neuen mehr zu ihm ließ, mußte er über die Veränderung nachdenken, die der heutige Tag in sein Leben gebracht hatte. Das alte Leben lag hinter ihm wie ein böser Traum, und vor ihm ein neues, unbekannt, aber so verheißungsvoll, daß ihm das Herz klopfte, wenn er nur daran dachte ... Er sah über sich zum Nachthimmel empor und schärfte seine Augen. Zuletzt fingen hoch droben, in unendlicher Ferne, einige Sterne an, durch die blaue Nacht zu glimmen. Und es wurde ihm, als käme aus seligen Fernen durch die weiten Räume ein stilles Grüßen gezogen. In tiefem Erschauern empfand seine Seele dieses wunderbare Grüßen und wurde darüber so weit und froh, daß er es in dem engen Fensterrahmen nicht mehr aushalten konnte. Er zog sich in sein Heim zurück, hob die Hände, dehnte die Brust, atmete selig bang, und plötzlich warf er sich auf die Knie, und ein wortloses, heißes Dankgebet entquoll seinem übervollen Herzen.
Als seine Seele sich auf diese Weise von dem Überschwang ihrer Glücksgefühle befreit hatte, fing plötzlich in ihm etwas an zu knurren. Es war der Magen. Dieser war nicht von einer so rührenden Bescheidenheit wie sein Besitzer, und mit einer halben Maulschelle für einen halben Tag und eine ganze Nacht nicht zufrieden. Zum Glück erinnerte Peter sich, daß die zweite halbe Maulschelle noch in der Tasche seines Konfirmationsrockes steckte. Er zog sie heraus, und ganz langsam aß er sie, um dem unzufriedenen Gast, der von der Freude allein nicht satt werden wollte, eine wirkliche Mahlzeit vorzutäuschen. Zwischendurch trank er einen Schluck Wasser aus dem Kruge. Ein Glas hatte er nicht.
Darauf ging er zur Ruhe. Als er sich niederlegte, warf er sich stürmisch in dem Bettkasten hin und her. Die Freiheit und Wonne, dieses tun zu können, ohne wie zu Hause sofort mit geschwisterlichen Beinen zusammen zu geraten, mußte er doch erst einmal auskosten. Dann machte er's sich auf der rechten Seite gemütlich, zog die Beine an, blinzelte behaglich mit den Augen, ehe er sie schloß, und fühlte sich so recht von Herzen heimselig.
Schlaf wohl, du junges, armes, hungriges, glückliches Schulmeisterlein! Alle Stunden, die dir unter diesem Dache kommen, werden wohl nicht so reich, nicht so glücklich sein, wie diese ersten.
Als Peter am andern Morgen erwachte, dachte er mit Schrecken daran, daß Schulmeister Wencke Langschläferei und Unpünktlichkeit nicht duldete. Ob er die Zeit nicht schon verschlafen hatte? Darüber beruhigte er sich zwar bald; denn es war noch nicht völlig hell. Da er aber eine Uhr nicht fragen konnte, weil er keine hatte, und die Sonne nicht, weil sein Fenster nach Westen lag, so hielt er es für das sicherste, sofort aufzustehen.