Beim Ankleiden betrachtete er die beiden Bilder, die durch ihr Dasein gestern abend die Gemütlichkeit seines Heims gehoben hatten, die er aber in dem schwachen Licht der Talgkerze sich noch nicht genauer angesehen hatte. Zu Häupten des Bettes hing ein rahmenloser Holzschnitt. Er mochte aus einer alten Bilderbibel stammen und war mit Schusternägeln an der Wand befestigt. Abraham, der Vater der Gläubigen, schickte sich mit bekümmertem Gesichte an, seinen Sohn Isaak zu schlachten, der ganz geduldig seinen Hals hinhielt, während im Hintergrunde der Engel des Herrn die Einhalt gebietende Rechte hochhielt und mit der Linken einen sich gewaltig sträubenden Bock heranzerrte. Das Bild an der senkrechten Längswand war viel freundlicher. Es war dazu bunt, und hatte einen mit Fliegendenkmälern punktierten Goldrand. Eine hehre Frauengestalt, in rotem Ober- und blauem Untergewande, schwebte in rosigen Wolken, rings von reizenden Engelköpfchen umgeben. Darunter stand: »Maria, die Himmelskönigin.« Dieses Bild sah Peter sich viel länger an als das andere.
Als er mit dem Ankleiden fertig war, wollte er hinuntergehen. Oben an der Treppe blieb er aber stehen und horchte in das Haus hinab. Dort war noch alles still. Da schlich er mit größter Vorsicht die Stufen hinab. Trotzdem war die altersschwache Treppe so indiskret, jeden seiner leisen Tritte durch das hallende, morgenstille Haus zu melden. Unten angekommen, schob er den Riegel zurück und trat in den frischen Morgen hinaus.
Die Sonne ging eben auf und übergoß den Himmel mit flammendem Rot. Aber darauf achtete Peter nicht weiter. Das hatte er hundertmal gesehen, wenn die Stiefmutter ihn vor Tau und Tag aus dem Bett herausjagte. Es kam ihm heute darauf an, das Neue kennen zu lernen, das ihn hier erwartete. So ging er denn zuerst durch den Garten. Der war noch kahl und wartete auf Sonnenschein und warme Tage. Trotzdem ließ Peter sich von Bäumen und Büschen die herrlichsten Versprechungen machen. Der dicke Apfelbaum, der dem Hause zustrebte und einen Zweig bis dicht vor sein Kammerfenster sandte, der in schöner Gabelung stolz aufwärts strebende Birnbaum, die Johannis- und Stachelbeersträucher, die schon zu grünen und zu blühen angefangen hatten, was verhießen sie nicht alles dem Gaumen des noch nicht Fünfzehnjährigen, der solche Genüsse bislang fast nur vom Hörensagen kannte!
Als er den Garten kennengelernt hatte, schlenderte er ins Dorf hinaus. Da freute er sich über die breiten, behäbigen Bauernhöfe, die hinter bemoosten Knüppelzäunen unter dicken Eichen lagen. Wo er zu Hause war, auf der hohen Heide, war das alles viel ärmlicher als in diesem bachdurchrieselten Tale, dessen Anmut ihn gestern schon erfreut hatte.
Aus einem der Häuser kam ein Junge mit einem Schulbuch in der Hand. Da drehte Peter um und ging eiligst nach Hause zurück.
Die Schulmeistersleute saßen beim Kaffee. »Wo bleibst du denn?« fragte der Schulmeister, indem seine Stirnhaut sich in Falten legte. »Ich habe bloß eben einen kleinen Spaziergang gemacht,« entschuldigte sich Peter. »Na, hör' mal, diese Morgenspaziergänge laß man unterwegs. Es ist nicht nötig, daß du uns beiden alten Leute morgens um fünf Uhr aus dem Schlaf trampelst. Ich bin zufrieden, wenn du so früh aufstehst, daß du uns vor dem Kaffee die Stiefel putzen kannst. Ich bin nämlich nicht dafür, wie es viele Schulmeister tun, in Holzschuhen zu unterrichten. Wir dürfen uns nicht so gehen lassen. Auch meine Pfeife mußt du mir immer stopfen. Die pflege ich in der Schreibstunde zu rauchen.«
Während dieser Dienstanweisung hatte die Schulmeisterin Peter eine dicke Scheibe Brot dünn mit Seimhonig bestrichen. Und jetzt machte er sich darüber her, als ob er von zwei Uhr nachts an mit nüchternem Magen in der Scheune gedroschen hätte. Gegen seine Gewohnheit faßte er das Brot wie seine Stiefbrüder zu Hause, nämlich mit beiden Händen, um tüchtig nachschieben zu können. Bis der Schulmeister sagte: »Anständige Leute essen mit einer Hand.« Da wurde er rot und legte seinem Eßungestüm Zügel an.
Draußen auf dem Hof sammelten sich die Kinder. Einige klapperten schon mit ihren Holzschuhen in die nahe Schulstube. Die Zeiger der blumenbemalten Wanduhr zeigten fünf Minuten vor sieben. Da sagte Schulmeister Wencke: »Heute brauchst du noch nicht zu unterrichten. Du wirst vielmehr meinem Unterrichte beiwohnen. Wir wollen in den einzelnen Fächern Wiederholungen anstellen. Du wirst da sehen, was geleistet ist, und was in einer ordentlichen Schule geleistet werden muß. Die Kinder werden ja immerhin in den Osterferien mancherlei vergessen haben, und meine besten Schüler sind jetzt gerade konfirmiert. Das mußt du bedenken, wo mal etwas nicht klappt. Für zehn Uhr habe ich mir dann die Abc-Schützen bestellt. Komm! Bring' dir einen Stuhl mit!«
Hinter dem alten Schulmeister trat der junge in die Schulstube, wobei er in dem Bewußtsein, daß aller Augen auf ihm ruhten, seinem weichen Jungensgesicht einen ernsten und strengen Ausdruck zu geben suchte. Mit Würde ließ er sich angesichts der Klasse auf seinem Stuhl nieder und legte die Beine lässig übereinander.
Nach einem Gesangvers und Gebet führte Wencke dem jungen Schüler und Kollegen seine Schule vor. Der Tausend! Wie das klappte! Biblische Geschichten, Katechismusstücke, Sprüche kamen nur so angeflogen, beim Lesen wurden die Sätze förmlich verschlungen, die Lösungen der Rechenexempel folgten reflexartig. Peter sah verdutzt bald die Schule, bald den Lehrer an, und kam aus dem Verwundern gar nicht heraus.