Hinter das Geheimnis dieser großartigen Unterrichtserfolge ist der gute, ehrliche Peter nie recht gekommen. Sein Vorgänger aber, der gerissener war als er, hatte es schon mit einem halben Jahre herausgehabt. Schulmeister Wencke hielt für seinen Vorgesetzten, den Pastor von Olendorf, der bei Schulprüfungen die ihm sehr sympathische Gewohnheit hatte, niemals selbst die Kinder zu fragen und die Wahl der zu behandelnden Gegenstände dem Lehrer zu überlassen, in allen Unterrichtsfächern einige Paradestücke auf Lager, die im Sommer und Winter, vor und nach den Ferien, gleich gut gingen. So war er in den Ruf eines tüchtigen Pädagogen gekommen und erhielt deshalb auch Präparanden zur Ausbildung zugewiesen. Diese Paradestücke hatte er eben Peter vorgeführt und in diesem wieder einmal das Gefühl des eigenen Nichts wachgerufen, zugleich aber auch den heiligen Entschluß, daß er unermüdlich arbeiten wollte, bis er würdig wäre, seinem Meister wenigstens die Schuhriemen aufzulösen.

Um zehn Uhr kamen dann die Kleinen, von den Müttern an der Hand geführt. Sie kamen mit bangen Gesichtern, und ein kleiner Bengel schrie so mörderlich und sperrte sich so sehr, daß er auf dem Arm hergetragen werden mußte. Die erzieherische Weisheit der Eltern hatte nämlich für gut befunden, von frühester Jugend an den Kindern mit dem Schulmeister als dem leibhaftigen Buhmann zu drohen, um sie dadurch zur Tugendhaftigkeit zu schrecken. Diese seine kleine hagere Person umschwebenden Schrecken mußte Herr Wencke also zuerst zerstreuen. Sein süßestes Gesicht, das er aufsteckte, genügte dazu nicht, und freundliche Worte mit Backenstreicheln und Kitzeln unter dem Kinn taten es auch nicht. Das wußten die Eltern und brachten im Handkorb Tüten voll süßer Anlockungsmittel herbei, die sie dem Schulmeister im Hause heimlich vor den draußen ängstlich umherstehenden Kindern überreichten. Die Körbe enthielten aber auch noch andere Schätze: Präsente für den Mann, dem die teuersten Schätze nun auf Jahre zur Vorbereitung für dieses und jenes Leben anvertraut werden sollten, und der bei seinem kargen Gehalt einige Schinken und Würste gut gebrauchen konnte. Solche schöne Sitte half diesem zugleich, die Rangordnung der Kleinen richtig zu bestimmen. Wenn er sie nach der Güte der elterlichen Gaben setzte, war er sicher, daß seine kleine Schulgemeinde ein getreues Abbild der großen Schulgemeinde wurde, die in Bauern, Anbauern und Häuslinge sozial scharf gegliedert war. So wurde denn Heini Renken, dessen Mutter einen mittleren Schinken und eine armlange Mettwurst mitbrachte und zugleich andeutete, sie würden nächstens ein fettes Kalb schlachten, Erster, und Jürgen Brammer mit seiner verschimmelten Leberwurst gebührte der letzte Platz.

Nachdem Schulmeister Wencke angesichts der offenen Körbe über die Rangordnung sich schlüssig geworden war, überließ er die Mütter seiner Frau zur Bewirtung mit einer Tasse Kaffee und machte sich mit seinem Gehilfen daran, die auf dem Hof herumstehenden Kinder für die geordnete menschliche Gesellschaft einzufangen. Mit Hilfe der vorgehaltenen Köder ging das ziemlich leicht. Nur Jürgen Brammer, der vorhin so geheult hatte, traute der Sache noch immer nicht, und Peter mußte ihn auf dem Arm in die Schulstube tragen und sich auf einen Wink des Schulmeisters auch weiter diesem offenbar schwierigsten Charakter des Jahrgangs widmen. Er hatte mit seinen ersten Erziehungsversuchen den schönsten Erfolg. Als der kleine Kerl merkte, daß er es nicht mit dem leibhaftigen Buhmann zu tun hatte, sondern mit einem Jungen, der so gar nichts Menschenfresserisches an sich hatte, hörte er auf zu weinen, wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und nahm einen roten Bonbon aus der ihm hingehaltenen Tüte. Als er eine Weile daran gelutscht hatte, nahm er das klebrige Ding aus dem Munde und bot es Peter an. Fast hätte der zugegriffen, denn Süßigkeiten aß er gern. Er besann sich aber zur rechten Zeit, daß sich dies mit seiner Würde als Schulmeister nicht vertrug, und sagte: »Nee, nee, behol' man!« Da Jürn auf diese Weise den roten Bonbon nicht los werden konnte, steckte er ihn in die Tüte, um einen grünen zu probieren.

Mit der Nahrung des Geistes verschonte Wencke heute die Kleinen noch. Er ließ sie schmausen, holte aus jedem mit viel pädagogischem Geschick den Namen heraus, scherzte plattdeutsch mit ihnen, ermahnte sie, immer fleißig zur Schule zu kommen, zeigte eine Papptafel, auf der ein braunes Hottehüh dahertrabte, und ließ sie laufen.

So verlief der erste Schultag für alle Beteiligten sehr erfreulich. Die Kinder konnten den ganzen Tag in Süßigkeiten schwelgen, sofern nicht die Eltern grausamer waren als der liebe Schulmeister und dessen großmütige Geschenke an sich nahmen. Unter des letzteren Wiemen sah es aus, als ob ein Schweinchen hätte dran glauben müssen. Und Peter war froh, die erste Aufgabe, die ihm in seinem Lebensberuf gestellt war, glatt gelöst zu haben.

Beim Mittagessen ließ der Schulmeister sich über die Familien aus, die heute ihre Kinder ihm anvertraut hatten. Peter lernte auf diese Weise einen Teil der Schulgemeinde kennen. Freilich nur in der Hinsicht, ob einer viel oder wenig hatte, filzig war oder gern herausrückte.

Außerdem lernte Peter beim Mittagessen den Luxus des Lebens kennen. Der Tisch war mit einem weißen Leintuch gedeckt, und jeder Esser hatte seinen eigenen Teller. Über letzteren freute Peter sich aus demselben Grunde, wie er sich über das eigene Bett freute. War er zu Hause im Bett mit den geschwisterlichen Beinen in Kampf geraten, so am gemeinsamen Eßnapf mit ihren Holzlöffeln. Und nirgends waren Trinas Sprößlinge selbstsüchtiger und unangenehmer als am Eßtröglein. Schnell sah der Junge, der bislang nur Holzschleef und Naturgabel gebraucht hatte, seinen Lehrmeistern ab, wie man die Eßgerätschaften einer höheren Kultur handhabte, und schlug eine wackere Klinge. Das Honigbrot vom Morgenkaffee hatte seinen Magen noch immer nicht wegen des ausgefallenen Abendbrotes beruhigt, und Frühstück gab's nicht. »Von wegen meinem Magen,« hatte der Schulmeister erklärt.

Als die Messer und Gabeln ruhten, nahm der Schulmeister wieder das Wort. »Ein lateinischer Schriftsteller,« begann er, »hat einmal ein Wort gesprochen, das die Gelehrten so übersetzen: Eine gesunde Seele in einem gesunden Körper. Wir Schulmeister, das ist klar, haben für unsern schweren Beruf eine gesunde Seele nötig. Die können wir aber nur haben, wenn unser Leib gesund bleibt. Um ihn gesund zu erhalten, müssen wir neben der Arbeit des Geistes, die wir an der lieben Jugend betreiben, auch unsern Körper arbeiten lassen. So habe ich's immer gehalten. Es waren meine besten Tage, wenn ich im Schweiß meines Angesichts mein Brot aß, wie es uns ja auch schon in der Bibel verheißen ist. Abgesehen davon, daß die Schulmeisterei einen mit der Familie allein nicht ernährt. Und da habe ich immer gefunden, die gesündeste Arbeit ist das Graben. Ich wäre nicht so alt geworden, wenn ich nicht viel gegraben hätte. Für dich wird das auch gut sein. Komm, ich will dich anweisen.«

Er führte Peter in den Garten und zeigte ihm ein Stück Land. »Kannst du dieses wohl bis zum Kaffee umgegraben haben? Wir wollten gern Erbsen legen.«

Peter versprach, sein Bestes zu tun.