»Dein Vorgänger,« sagte der Schulmeister wieder, »warf so ein Stück Land im Handumdrehen herum. Na, er war aber auch einen guten Kopf größer als du. Sieh zu, wie weit du kommst, grabe nicht zu flach, und verteile den Dünger gut!« Damit ging er, um seinerseits des Leibes Gesundheit durch ein Mittagsschläfchen zu pflegen.

Peter machte sich munter ans Werk. Er war froh, daß ihm eine Arbeit gegeben war, die er beherrschte, bei der er nicht ängstlich zu tasten brauchte. An so etwas hatte die Stiefmutter ihn tüchtig herangekriegt. Er tummelte sich, um hinter seinem großen Vorgänger nicht allzuweit zurückzubleiben. Und wirklich, er warf das Stück herum, ehe er zum Kaffeetrinken gerufen wurde. Ja, vom nächsten auch noch zwei Reihen! Als der Schulmeister nach seinem Mittagsschläfchen die Arbeit prüfte, zollte er ihr vollen Beifall, und am Kaffeetisch warf er in Peters Tasse ein Stück Zucker mit den Worten: »Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert.« Peter war sehr froh. Er hatte einmal das angenehme Gefühl, ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft zu sein. Dazu hatte die Stiefmutter es trotz all seiner sauren Arbeit im Hause und auf dem Felde nie kommen lassen. Nach dem Kaffeetrinken half er seinem Lehrherrn Erbsen legen. Und bald legte er sie allein. Denn als der Schulmeister seinen Diensteifer bemerkte, schmunzelte er stillvergnügt und beschränkte die eigene Arbeit darauf, mit der Pfeife im Munde Anweisungen zu geben.

Als sie mit dem Abendessen fertig waren und noch am Tisch saßen, konnte Peter seine Wißbegier nicht mehr bezwingen. An der Wand hing ein länglicher Kasten mit einem Stiel, an dem einige Bindfäden her liefen. Das Ding hatte ihn schon bei allen Mahlzeiten des Tages so merkwürdig angesehen, als ob es mehr wäre als ein Kasten zur Aufbewahrung von Garnknäueln oder Rauchtabak oder dergleichen. Er fragte also den Schulmeister, was es mit dem zweifelhaften Kasten auf sich hätte. Der lächelte weise und gab dann ernsthaft die Erklärung: »Was du da siehst mein Sohn, ist nicht ein Kasten, sondern eine Geige. Gewöhnliche Leute nennen sie auch Vigeline. Dieselbige ist ein musikalisches Instrument. Sie besteht aus einem dünnen Holzkasten, der als Resonnanzboden dient. Derselbe ist nicht mit Bindfäden bespannt, sondern mit Saiten, die aus Tierdärmen gewonnen werden. Mit jenem Bogen, der jenseits des Ofens hängt, wird der Ton erzeugt. Wart', ich will dir mal ein Stückchen spielen.«

Mit großen Augen sah Peter den Vorbereitungen zu, dem Spannen und Stimmen der Saiten, dem Ansetzen des Bogens, der Bewegung der Finger. Als der Schulmeister dann eine schlichte Volksweise zu spielen begann, legte er die Arme ineinander und schloß die Augen.

Vater Wencke war ein herzlich schlechter Musikante. Er hatte einen harten, kratzenden Strich, und auch mit dem Abstimmen der Saiten nahm er es nicht eben genau. Dennoch, kaum hatte er angefangen, so war sein Zuhörer in einer andern Welt. Denn der gehörte von Haus aus zu den Menschen, welche die Seele voll heimlicher innerer Musik haben, und diese zum Singen und Klingen zu bringen, dazu bedurfte es keines künstlerisch vorgetragenen Meisterwerkes. Dazu hatte sonst das mäßige Orgelspiel auf der mangelhaften Kirchenorgel in Steinbeck genügt. Dazu genügte jetzt auch die einfache, wehmütige Volksweise, von Schulmeister Wencke auf schlecht gestimmter Geige gekratzt.

Dieser bemerkte die tiefe Bewegung, die seinen Zuhörer ergriffen hatte, und spielte die Melodie dreimal hintereinander. Beim dritten Male gab er sich wirklich Mühe, seiner Geige lange, süße Töne zu entlocken. Als er sie dann absetzte und Peter tief aufatmend die Augen öffnete, sagte er freundlich: »Wenn wir erst etwas weiter sind, und du bleibst so folgsam und fleißig, wie du heute warst, werden wir sehen, ob du auch genügend musikalische Begabung hast, um das Geigenspiel zu lernen.« Für diese Worte bekam er einen Blick, wie er ihn dankbarer in seiner ganzen Schulmeisterpraxis wohl nicht geerntet hat. Peter sah den ganzen Abend den Himmel voller Geigen hängen.

Bald darauf stieg er in sein stilles Reich hinauf. Auch diesen Abend war er der glücklichste Mensch im ganzen Dorf. Nicht so stürmisch kam das Gefühl seines Glücks über ihn, als gestern abend, da er in seinem Fenster lag. Aber er freute sich desselben als eines stillen, ruhigen Besitzes, in dem er, der arme Stiefsohn Trinas, sich unendlich reich fühlte. Daß es nicht leicht war, als Schulmeister das zu leisten, was nach dem ihm heute gezeigten Vorbild geleistet werden mußte, fühlte er auch wohl. Aber er spürte die Freudigkeit in sich, seine ganze Kraft einzusetzen. Und dann mußte es ja gehen.


Das war Peters erster Tag im Schulhause zu Wehlingen. Wie er, ins Wasser hineingeworfen, zwar nicht regelrecht schwimmen, aber doch durch Paddeln sich leidlich oben zu halten lernte, was für Dummheiten er machte und wie er die allergröbsten allmählich zu meiden begann, wie er Kinderherzen gewann und Kinderhöschen stramm zog, das alles wollen wir hier nun nicht weitläufig erzählen. Denn uns interessiert weniger Peter der Schulmeister, als Peter der Mensch. Nicht das wollen wir vor allem wissen, wie Peter mit den kleinen Wehlinger Bauernjungens und -deerns fertig wurde, sondern, wie er mit sich selbst, mit der Welt, mit dem Leben fertig wurde. Und darüber ist aus den nächsten beiden Jahren nur weniges summarisch zu berichten.

So glückliche Abende wie die beiden ersten hat Peter während dieses Zeitraumes in seiner Dachkammer nicht wieder erlebt. Wie der Mensch sich an alles gewöhnt, so gewöhnte er sich auch daran, daß er eine eigene Stube und ein eigenes Bett hatte. Nur wenn er aus den Ferien, aus den elenden Verhältnissen seines Vaterhauses, zurückkam, fühlte er anfangs annähernd wieder das Glück jener ersten Abende.