In jenen glücklichen Stunden hatte die junge Seele, die einem engen, dumpfen Käfig entronnen war, sich frei gewähnt und jubelnd ihre Flügel geregt, um aufzufliegen. Aber bald genug mußte sie merken, daß sie nur den Käfig getauscht hatte. Mochte der neue Käfig auch nicht ganz so eng und drückend sein wie der alte, das freie Flügelregen und Fliegen verbot er doch auch.

Schulmeister Wencke war ein kleinlicher Mensch, der seine Präparanden im Schul- und Wirtschaftsbetrieb ausnutzte, aber unfähig war, ihnen für ihren Beruf wirklich etwas zu geben. Als Peter ihm eines Tages ehrlich klagte, er könne mit den Kindern das nicht erreichen, was ihm am ersten Tage als erreichbar gezeigt wäre, da sah der Schulmeister ihn groß an und sagte: »Du dummer Junge, du willst in ein paar Wochen das können, wozu ich mein ganzes langes Leben gebraucht habe?« Wenn Peter sich einmal in irgend einer Schwierigkeit Rat holen wollte, hieß es meist nur: »Junge, das weißt du nicht? Denk doch man bloß ordentlich nach! Ist ja ganz leicht. Schlau genug bist du dazu.« Die früheren Präparanden hatten ausnahmslos mit der Zeit einen förmlichen Haß gegen den Mann gefaßt. Dazu kam es bei Peter nicht. Wenn er einmal böse auf ihn werden wollte, verglich er ihn schnell mit seiner Stiefmutter, und dann fand er den selbstsüchtigen Mann ganz erträglich. Er hatte eben in harter Schule gelernt, gar keine Ansprüche an die Menschen zu stellen und schon zufrieden zu sein, wenn sie ihn nur leben ließen. — Einige Wochen lang hatte er den Schulmeister beinahe lieb. Das war während der Zeit, als dieser ihm Geigenstunden gab. Aber bald sagte eine Saite knax, und nach ein paar Tagen eine zweite. Da hängte der Alte die Geige an die Wand und meinte, nun müßten sie's erst mal aufstecken. Wenn er mal in den Flecken käme, wollte er sich frische Saiten mitbringen. Er kam zwar öfters in den Flecken und brachte sich Tabak mit, aber Saiten nicht. Es schnitt Peter manchmal ins Herz, wenn die Verstummte mit ihren schrägliegenden Augen ihn von ihrem alten Ruheplatz so traurig anschaute. Wenn er zufällig allein in der Stube war, trat er wohl einmal an sie heran und zupfte an der gebliebenen Baßsaite. Dann brummte die alte Freundin, zornig und wehmütig zugleich.

Es wäre dem armen Jungen zu wünschen gewesen, daß er nach seiner elenden Jugendzeit in mütterliche Hände gekommen wäre. Wo diese sehnsüchtige Kinderseele nur ein wenig Verständnis, ein ganz klein wenig Liebe gefunden hätte, da hätte sie sich dankbar aufgeschlossen, wie das Marienblümchen in der ersten spärlichen Märzsonne. In den rechten Händen wäre Peter weich wie Wachs gewesen. Aber von mütterlicher Art, die dem armen Jungen das zuerst mit so inbrünstiger Liebe als Heim umfaßte Schulhaus zu einer wirklichen Heimat hätte machen können, hatte die Schulmeisterin auch gar nichts. Seit ihre erwachsenen Kinder das Haus verlassen hatten, lebte sie nur noch für ihren Mann. An dem sah sie wie an einem Halbgott hinauf und diente ihm wie eine treue Magd. Zu Peter hatte sie kein anderes Verhältnis, als daß sie für seines Leibes Nahrung und Notdurft leidlich sorgte.

Peter las viel. Als Wenckes Bücher ihm nichts mehr zu sagen hatten, wußte er sich solche hier und da bei den Lehrern der Nachbarschaft zu leihen. Er las, was ihm gerade unter die Finger kam, und bei seinem guten Gedächtnis behielt er auch manches von dem Gelesenen. Aber, da er zu unreif war, um eine Auswahl zu treffen und die Einzelheiten einzuordnen und geistig zu verbinden, so hatte er selbst keine rechte, tiefe Freude daran. Deshalb suchte er andern Freude damit zu machen. Aber damit hatte er auch kein rechtes Glück. Die Leute schätzten seine Belehrungen nicht, zumal er von Schulmeister Wencke die Kunst gelernt hatte, die einfachsten Dinge mit vielen Worten breitzutreten. Als er merkte, daß die Menschen seine Weisheit verachteten, bedauerte er sie aufrichtig und fing an, sich als einen jener »Unverstandenen« zu fühlen, die mitleidig auf das Leben und die Menschen herabblicken und wunder meinen, was die Welt in ihnen verkennt.

Es war schlimm, daß es ihm an Menschen fehlte, an denen er hinaufsehen mußte, von denen er sich Maßstäbe zu richtiger Selbsteinschätzung hätte holen können. Für die wirkliche Lebenstüchtigkeit mancher Bauersleute seines Dorfes hatte der kleine Büchermensch natürlich kein Auge. So kam der grüne Junge nach und nach in einen Hochmut hinein, der ihn um so unangenehmer machte, als er zu seinem eigentlichen Wesen gar nicht paßte.

Wenn kein Mensch Peter in diesen Jahren recht leiden konnte, so hatte er dennoch einen wahren und treuen Freund. Das war des Schulmeisters Phylax, der aus einer angesehenen Schäferhundefamilie stammte. Wenn er mit diesem an den Sonntagnachmittagen in der Heide, fernab von den Blicken der Menschen, herumtollte, hatte er den Gelehrten und Schulmeister ganz ausgezogen und war nichts als der gute, große Junge, der mit lachenden Augen über die Heide sprang. Aber wenn er mit ihm durch das Dorf nach dem Schulhause zurückkehrte, war er wieder der Herr Schulmeister, und auch Phylax mußte dieser Würde seines Freundes durch gesittetes Benehmen Rechnung tragen.

Vielleicht war dieser zweite Käfig, das Schulmeisterhaus in Wehlingen, noch gefährlicher für Peter als der erste, die stiefmütterliche Kate. Denn jetzt stand er in den Jahren, wo es sich entscheiden mußte, ob er ein aufrechter, tüchtiger Mensch werden oder als eine aus Mangel an Wärme, Licht und Luft verkrüppelte und verkümmerte Existenz am Boden dahinvegetieren sollte. Das letztere erschien nachgerade als das Wahrscheinlichere.

Da, am Anfang des dritten Jahres bei Schulmeister Wencke, trat ein Neues in sein Leben hinein.

Als Peter am Sonnabend nach Ostern, einen Tag früher, als er erwartet wurde, abends nach Wehlingen zurückkehrte, fand er das Schulhaus bereits verschlossen. Er machte sich bescheiden durch leises Bewegen des Drückers und durch Hüsteln bemerkbar, und wartete geduldig, bis der Alte heranschlarren und, über Störung der Nachtruhe brummend, öffnen würde. Der wohlbekannte Schlarrschritt ließ sich aber nicht hören, sondern der Riegel wurde plötzlich schnell zurückgeschoben, und es kam Peter vor, als ob drinnen schnelle Füße husch husch husch über die Diele davoneilten. Darüber wunderte er sich, und als er ins Haus trat, sah er sich auf dem Vorplatz nach allen Seiten um, entdeckte aber nichts Besonderes. So stieg er leise seine knarrende Treppe hinauf, legte sich schlafen, und schlief, von der langen Wanderung und der Frühjahrsluft ermüdet, tief in den Sonntag hinein.

Endlich erwachte er mit einem starken Hungergefühl. Denn er war ja wieder einmal ohne ordentliches Abendbrot zu Bett gegangen. Er kleidete sich schnell an und ging hinunter, um zu sehen, ob die Schulmeisterin trotz des verschlafenen Morgenkaffees noch etwas für ihn hätte. Noch auf der Treppe, sah er durch die halboffene Küchentür mit Verwunderung, daß drinnen etwas Buntes, Schnelles hantierte. Ehe ihm klar wurde, was das war, ging die Tür ganz auf, und vor ihm stand ein — Mädchen. »Guten Morgen,« sagte sie munter, »den Kaffee habe ich dir warm gestellt und bringe ihn gleich, geh man in die Stube!«