Peter stieß plötzlich seinen Spaten in die Erde und ging mit kurzen, trotzigen Schritten ins Haus. Als er die knarrende Treppe hinanstieg, gab er sich keine Mühe, leise zu gehen. Der Alte sollte es hören und sich darüber ärgern, daß er nicht für ihn graben wollte.

Voll Grimm riß er ein Buch aus der Reihe und fing an zu lesen. Aber bald irrten seine Blicke über die Zeilen hinweg. Er war mit seinen Gedanken im Garten. Da fiel ihm plötzlich ein, wenn er sich tüchtig ans Graben machte, müßten sie ja doch bald zusammentreffen. Und nach einer Weile stieg er trotzig die Treppe wieder hinab und kehrte in den Garten zurück. Und fing an zu graben, wobei er sich immer wieder beteuerte, der alte Schulmeister wäre es nicht wert, daß man den kleinen Finger für ihn rührte.

Als er sich endlich zwang, nicht mehr an ihn zu denken, fingen all die schönen Sachen, die er bei ihr hatte anbringen wollen, an, ihn sehr zu drücken. Aber je mehr er in Schweiß geriet, desto leichter und klarer wurde ihm der Kopf. Er grub nicht nur das halbe Stündchen, das er gestern allenfalls den Büchern entziehen zu dürfen gemeint hatte, sondern den ganzen Nachmittag. Wenn er einmal innehielt, schielte er unter dem Baumgezweige und über dem Beerengesträuch weg nach der Westseite des Gartens. Und es traf sich fast immer, daß Maries Arbeitspausen mit den seinigen zusammenfielen. Dann schaute sie zu ihm herüber. So waren sie, obgleich der ganze Garten und das »Es schickt sich nicht« des Schulmeisters zwischen ihnen lag, doch Arbeitsgenossen, wenn sie sich auch nichts aus den Büchern und aus dem Leben erzählen konnten. Dem brummigen Alter gegenüber, das im Hause bei geschlossenen Fensterläden durch ein Mittagsschläfchen im Bett verbunden war, fühlte die Jugend im Garten, über dem der wunderliche April bald lachte, bald weinte, sich durch die gleiche Arbeit verbunden.

So wiederholte es sich in den nächsten Tagen. Peter wurde seinen Büchern fast untreu. Auch wenn er auf seiner Stube saß, widmete er sich ihnen nicht mit dem gleichen Eifer wie sonst. Sie schienen ihm so viele völlig gleichgültige Dinge zu enthalten. Er nahm sich aber fest vor, nach der Frühjahrsbestellung wollte er alles, was er jetzt versäumte, nachholen.

Der April vergaß in diesem Jahre früher als gewöhnlich seine wunderlichen Launen und brachte die schönsten Sonnentage. Die kleinen Vögel kamen zurück, jagten sich durch Busch und Baum in frohem Liebesspiel, suchten Halme und Federn zum Nestbau und sangen den beiden fleißigen jungen Menschenkindern zu ihrer Arbeit. Wenn die herzfrohe Grasmücke im Fliederbusch es so recht jubelnd machte, standen diese, von der Arbeit ausruhend, sahen nach dem Vöglein und sahen dann einander froh an. Denn so nahe hatten sie sich schon zusammengearbeitet, daß sie das konnten.

Zuweilen, auf dem Wege von und zu der Arbeit, und auch wohl einmal zwischendurch, sprachen sie auch miteinander. Aber die Harmlosigkeit jenes ersten Sonntagmorgens war nicht mehr. Das Gespräch wollte gar nicht so recht in Gang kommen. Peter, der sonst immer so weise und weitläufig hatte reden können und vorher immer ganz genau wußte, was er sagen wollte, war in den paar kurzen günstigen Augenblicken jedesmal wie auf den Mund geschlagen. Aber er tröstete sich. Er meinte, das würde sich schon wieder machen, wenn sie nur erst zusammen auf einem Stück arbeiteten. Die Stunde kam ja mit jedem Spatenstich näher.

Am Abend vor diesem langersehnten Tage saß Peter auf seiner Dachstube und überlegte sich noch einmal, was er ihr denn morgen eigentlich erzählen wollte. Da hielt er es für gut, zwischen den Dingen, die er vor zehn Tagen sich vorgenommen hatte, zu sichten. Die Affengeschichte und die Politik schied er aus. Dafür schob er ein Gedicht von Schiller ein, das er auswendig gelernt hatte, weil es ihm so sehr gefiel:

In einem Tal bei armen Hirten
Erschien mit jedem jungen Jahr,
Sobald die ersten Lerchen schwirrten,
Ein Mädchen schön und wunderbar.

Die ersehnte, mit vielen tausend Spatenstichen und manchem Schweißtropfen verdiente Stunde war gekommen! Aber o weh! Die Aermsten! Schulmeister Wencke fühlte sich diesen Tag so frisch und fand die Frühlingsluft so köstlich, daß er auf das gewohnte Mittagsschläfchen verzichtete und nahe der Arbeitsstätte von Peter und Marie Bohnen legte. So gruben denn die beiden ihre letzten Reihen stumm und verdrossen und waren so ärgerlich, daß sie auch einander nicht einmal einen freundlichen Blick gönnten.

Was hatte Peter sich nicht alles von dieser gemeinsamen Arbeit versprochen! Und wie war das alles zu Wasser geworden! Aber schön war's doch gewesen. Jetzt, wo die Arbeit vollendet war, fehlte ihm etwas. Er suchte Ersatz in seinen Büchern. Aber die wollten ihn gar nicht recht fesseln. Immer wieder irrte sein Blick durch das kleine Fenster der Dachkammer in das Grün des Apfelbaumzweiges und darüber hinaus ins Blaue.