Die Bohnen, die Schulmeister Wencks zitterige Hand unter Peters stillen Verwünschungen in die Erde gesteckt hatte, hielten es dort unten im Dunkeln nicht lange aus. Es dauerte nur wenige Tage, so schickten sie grüne Blättchen ans Licht empor. Und bald angelten grüne Ränkchen nach einem Halt, um noch höher aufzusteigen ins goldene Licht.
»Marie,« sagte da eines Mittags der Schulmeister, »die Bohnenstangen müssen eingesteckt werden. Peter kann dir dabei helfen. Ich will mich lieber hinlegen, habe so Rheumatismus in der rechten Schulter. Wißt ihr, wie das gemacht wird?«
»Ja,« sagten Peter und Marie wie aus einem Munde.
Peter wollte just vor Freude Marie auf den Fuß treten. Da fiel's ihm plötzlich ein: »Das schickt sich nicht für so'n großen Jungen, und ihr seid keine Kinder mehr.« Und er zog den schon ausgestreckten Fuß zurück.
Marie mußte nach dem Essen zunächst das Geschirr aufwaschen. Denn auch Mutter Wencke fühlte sich nicht ganz wohl. Peter aber sprang auf den Hausboden, wo nicht weit von seiner Dachkammer die Bohnenstangen überwintert hatten, stieß die von staubigem Spinnegewebe umsponnene Luke auf und warf die Schächte hinaus. Dann sprang er, immer zwei Absätze überschlagend, die Treppe hinunter und schleppte sie, jedesmal ein gutes halbes Dutzend auf die Schulter legend, zum Bohnenfelde. Als er sie alle an Ort und Stelle hatte, setzte er sich erhitzt auf den Stangenhaufen, trocknete den Schweiß und sah erwartungsvoll nach dem Hause ...
Horch, da quiekt die alte Gartentür. Und da leuchtet ihr Schleierhut zwischen dem lichten Maiengrün. Aber! Was ist das? Da soll doch der ...! Zehn Schritte hinter ihr der alte Kerl. Ist der mit seinem Rheumatismus nicht längst im Bette?! Peter biß ingrimmig die Zähne aufeinander und wünschte dem Schulmeister den Rheumatismus in beide Beine.
»Ich bin doch bange, daß ihr mir die Sache nicht recht macht,« quäkte der Schulmeister, als er bei den Bohnen angekommen war. »Die Wurzeln müssen geschont werden, und die Stangen müssen fest in die Erde, daß der Wind mir nachher den ganzen Kram nicht umreißt, und auskommen müssen wir auch mit dem Haufen auf beiden Feldern; denn neue sind so schnell nicht zu kriegen.« Dann nahm er eine Stange, um sie in die Erde zu stoßen. »Au!« schrie er plötzlich mit schmerzlich verzogenem Gesicht, ließ die Stange los und griff sich nach der rechten Schulter. »Nein, Kinder, es ist doch zu toll. Ihr müßt's allein tun. Macht's so, wie ich gesagt habe, schont mir die Wurzeln, nicht zu dicht an die Pflanzen mit den Stangen, aber tief in die Erde und gut durch Querstangen verbunden, und seht, daß ihr auskommt!« Damit ging er, die wehe Schulter schmerzlich haltend. Peter sah ihm nicht ohne Schadenfreude nach, und als er in Mariens Schleierhut blickte, entdeckte er da auch nicht gerade Mitgefühl. »Wollen hoffen, daß er sehr schön schläft,« sagte er lachend, »das ist für so alte Leute das beste.« Da nickte sie und lachte auch.
Und nun machten sie sich an die Arbeit. Peter riß den Haufen der Stangen auseinander, und mit Sorgfalt suchten sie jedesmal zwei Stangen aus, die nach Länge und Stärke zueinander paßten. Dann nahm er die eine und sie die andere, und sie stellten sich, das Bohnenbeet zwischen sich, einander gegenüber, und jedes stieß seine Stange mit der jungen Kraft seiner siebzehn Jahre in den lockeren Erdboden, erst mit der Muskelkraft der Arme, dann das ganze Körpergewicht einen Augenblick mit einem Ruck daran hängend. Bald fanden sie heraus, daß sich auf Kommando besser arbeiten ließ, und sie kamen überein, bei jeder Stange abwechselnd das Rucken und Nachstoßen zu kommandieren. »Eins, zwei, drei, Ruck, eins, zwei, drei, Ruck!« kommandierte Peter mit seiner rauhen, unreinen Stimme, die im Wechseln begriffen war. »Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei!« kommandierte mit heller, reiner Stimme Marie. Zwischendurch rüttelte Peter einmal prüfend an seiner Stange und an Marie ihrer: sie saßen beide gleich fest in der Erde.
An seine Wissenschaft, die er so lange für Marie mit sich herumgetragen hatte, dachte Peter mit keinem Gedanken. Er hatte völlig genug an den Bohnenstangen, an dem Schleierhut mit dem rosig überschatteten, lieblichen Gesicht darin, an der jungen Gestalt, die sich kraftvoll und zierlich zugleich vor seinen verwunderten Augen bewegte. Wenn er in dieser Stunde einen Wunsch hätte äußern dürfen, wie der Mann im Märchen, so wäre es sicher der gewesen, bis an sein Ende bei der warmen Maiensonne im grünen Garten unter Grasmückengesang mit Marie Bohnenstangen einstecken zu dürfen.