Als Peter das Kirchdorf hinter sich hatte, lag Solten in der Ferne auf einer mäßigen Anhöhe vor ihm. Er mußte das Dorf mit Wehlingen vergleichen. Das behäbige Bauerndorf in dem wiesen- und waldreichen Bachtale war ohne Frage viel reizvoller als diese neue Heimat auf der hohen Geest. Heide sah man von dieser Seite nur wenig. An der Straße zwischen dem Kirchdorf und Solten war alles Ackerland, das aber mit seiner losen, sandigen Ackerkrume wie mit dem hungrigen Winterkorn den Eindruck großer Magerkeit und Kargheit machte.
Bei den ersten Häusern des Dorfes griff Peter sich einen Jungen auf, um sich zum Schulhause führen zu lassen. Der Junge ging mit ihm eine Weile die ungepflasterte Dorfstraße entlang, bog dann auf ein Gehöft ab und auf ein Gebäude zu, das man zunächst für eine Scheune halten mußte. Als sie aber um dasselbe herumgingen, zeigten sich einige Fenster und eine Tür. Peter stand vor seinem neuen Heim.
Er rüttelte an der Tür, die jedoch verschlossen war. Als er sich umsah, kam aus dem Bauernhause, auf dessen Hofe das Schulhaus lag, ein Mann in Hemdsmauen mit einem Schlüssel in der Hand. Der sagte trocken »Dag« und schloß dem jungen Schulmeister sein Haus auf. Während sie miteinander die Schulstube und einen zweiten weißgetünchten Raum mit einem Fenster, in dem eine Scheibe zerbrochen war, besahen, erzählte er, bis vor wenigen Jahren hätte die Schule und Schulmeisterwohnung von Hof zu Hof gewechselt. Aber das wäre der Gemeinde schließlich lästig geworden, und so hätte sie ihm diese Scheune abgekauft und zu einer schönen Schule umgebaut. Die Fensterscheibe hätten im Winter die Jungens beim Schneeballen eingeworfen, aber er glaube sicher, daß die Gemeinde eine neue würde einsetzen lassen. Beim nächsten Bauernmal wollte er das vorbringen, und Eile hätte die Sache ja wohl nicht; denn es ginge ja auf den Sommer.
Als die beiden mit ihrer Besichtigung fertig waren und wieder ins Freie traten, sah Peter, daß sein alter Freund aus der Eisenbahn auf die Schule zugeschritten kam, den Brösel im Munde und sein pfiffigstes Lächeln im Gesicht. Peter fühlte einen Grimm gegen den Mann und überlegte sich, wie er dem Ausdruck geben sollte. Der Alte kam ihm aber zuvor: »Kiek mal an, da is he ja all, unse lütte Scholmester van de Iserbahn.« »Jawoll,« unterbrach ihn Peter, »den ji so bannig anföhrt hewwt. Dat harr ick van jo nich dacht.«
»Anföhrt?« fragte der Alte mit der unschuldigsten Miene von der Welt, indem er die Pfeife aus dem Munde nahm und behaglich ausspuckte.
»Jawoll, anföhrt! Wat is denn dat för'n Scholhus?«
»Och, so'n jungen Bengel, de keen Fro und Kinder hett, kann't genog dormit don.«
»Und de por elenden Daler, för de ener sick hier schinnen mutt.«
»Oh, he kriegt ja Äten und Drinken to. Wo woll he denn mit väl Geld hen? Dat hett all mannigenen up slechte Weg' brocht. Abers nu kam he man, min lüttje lewe Scholmester. Min Olsch' is bi und kakt'n Tass' Kaffee. Dorbi wöt wi uns wedder verdrägen.«
Peter wollte noch Schwierigkeiten machen, aber der Alte streckte den Arm mit der Pfeife aus und schob ihn lachend vor sich her. Da ergab er sich und ging mit.