Peter ging von dieser Unterredung nachdenklich nach Hause. Die ersten Tage in Solten hatte er das Gefühl gehabt, daß es ihm leicht werden würde, sich in diese Welt der Bauern, die ihm plötzlich interessant geworden war, einzuleben. Heute war es ihm deutlich geworden, wie tief doch die Kluft war, die ihn von dem Empfinden dieser Leute trennte. Ganz konnte einer, der einmal etwas durch die Bücher in einer weiteren Welt zu Hause geworden war, doch in dieser engen Welt eines Bauerndorfes nicht wieder heimisch werden. Da er aber gelernt hatte, von sich und seinem Berufe etwas kleiner und von dem ihn umgebenden Leben größer zu denken, so nahm er sich vor, so weit es ihm möglich wäre, dem Hergebrachten und den Wünschen der Gemeinde Rechnung zu tragen. Und als er sich ins Bett legte, war er bereits entschlossen — am nächsten Tage die Kleinen nach der Ordnung: Bauern-, Anbauer- und Häuslingskinder umzusetzen.

Dem gegenüber, was ein ganzes Dorf als das Selbstverständliche, Natürliche, weil Althergebrachte, ansah, seine eigene Ansicht durchzudrücken, war Trinas Stiefsohn und Schulmeister Wenckes Zögling denn doch nicht Charakter genug. Und andererseits war er zu klug und kannte die Bauern zu gut, um nicht zu wissen, daß er mit Hartnäckigkeit in dieser Lappalie den Erfolg seiner Berufstätigkeit in Solten gleich am ersten Tage aufs Spiel setzte.

Außerdem war die Beweisführung des alten Bauern nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben. Er war ja auch selbst der Sohn eines der konservativsten deutschen Stämme. Und wenn er auch ein Wörtlein für achtundvierzig geredet hatte, so hatte er einfach nachgeschwatzt, was er irgendwo einmal gelesen hatte. Er wußte weder, um was es sich damals gehandelt hatte, noch, was dabei herausgekommen war. Von Politik hatte er überhaupt nicht die geringste Ahnung. Ihre bewegenden Fragen wirklich kennenzulernen, dazu fehlte es ihm an Anleitung und Gelegenheit. Und auf ein paar leicht aufgeschnappte Schlagworte zu leben und zu sterben, dafür war er schon zu reif.

Kurz und gut, am nächsten Morgen nahm er die Umordnung vor. Die Kinder waren damit einverstanden, und das Dorf sehr befriedigt. »'n düchdigen Scholmester,« hieß es, »he is nich so'n Hornoss', de mit den Kopp dör de Wand well. He well noch wat toleern[38]

Als Claus Mattens den jungen Schulmeister zuerst wiedersah, klopfte er ihm freundlich auf die Schulter und sagte: »Ick heww mi doch nich in em irrt. He hett Charakter.«

Peter sah ihn verwundert an. Daß er in dieser Sache nun gerade viel Charakter gezeigt haben sollte, war ihm neu.

Die ganze körperliche Kraft der Jugend, den vollen Schwung eines jugendlichen Idealismus hatte der junge Lehrer nach Solten nicht mehr mitgebracht. Eine gewisse körperliche und seelische Müdigkeit lag vielmehr auf ihm. Er vergaß sie, wo seinem suchenden Geist sich etwas Neues zum Erkennen bot. Aber in dem täglich wiederkehrenden Einerlei des Schulbetriebes fühlte er sie, da drückte sie auf ihn. Unter diesem Druck war die Gefahr groß, daß er mit der Zeit in den alten Schlendrian des Unterrichtens zurückfiel, in den er bei Schulmeister Wencke im zweiten Jahre, nachdem der Reiz des Neuen verflogen, schon ziemlich tief hineingeraten war: daß er sich nämlich begnügte, den Text der biblischen Geschichten stumpfsinnig einzuprägen und abzufragen, mit dem Landeskatechismus das gedruckte Frage- und Antwortspiel zu treiben, das Lesen nach der Seite der rein mechanischen Fertigkeit zu betreiben usw. Der eingesessenen Soltener Schuljugend gegenüber hätte er dabei sein Gewissen mit der Zeit beruhigt. Die säßen ihre Stunden und Jahre ab, um konfirmiert zu werden und dann möglichst schnell alles zu vergessen, so hätte er sich wohl vorgeredet. Nun war da aber in der Schule ein Augenpaar, das gehörte nicht einem Leib, der seine Stunden absaß, sondern einer Seele, die hungrig war, die etwas verlangte. Den Eindruck hatte Peter am ersten Tage gewonnen, und er wurde ihn nicht wieder los. Es war, als ob diese Augen ihm zuriefen: Schulmeister, laß dich nicht gehen. Hüte dich vor dem Schlendrian. Bereite dich ernsthaft vor. Komm nicht mit dem alten abgeleierten Formelkram ... Schulmeister, das war heute mal schwach. Das hast du nur so dahingeschwatzt, um die Stunde auszufüllen ... Schulmeister, in dieser biblischen Geschichte liegt viel mehr drin, als du herausgeholt hast. Dieses und Ähnliches las Peters Gewissen in den dunklen Augen des Kindes und konnte darüber nicht einschlafen.

Indem aber Peter sich zusammenraffte, um dem einen Kinde etwas zu geben, gab er auch den andern mehr. Er merkte bald selbst, daß sein Unterricht Interesse weckte. Hier und da bekam ein Augenpaar einen lebhafteren Ausdruck. Hin und wieder erhielt er gute Antworten von Kindern, von denen er sie nicht erwartet hatte. Es war doch ein anderes Unterrichten, als früher in Schulmeister Wenckes Manier.

Und vor allem auch für sich selbst gewann Peter etwas, indem er sich zwang, es mit der Vorbereitung ernst zu nehmen und in der Stunde seine Kraft einzusetzen. Er bemerkte mit Verwunderung, wie ihm an den alten Unterrichtsstoffen, die er längst an den Schuhen abgelaufen zu haben glaubte, ganz neue Seiten aufgingen, wie ihm dabei Gedanken kamen, die ihn selbst überraschten und die ihm persönlich wertvoll wurden. Vor allem erging's ihm so mit den biblischen Geschichten. Als Jungen, und auch noch als jungen Schulmeister in Wehlingen, hatte ihn bei diesen besonders das Fremdartige, Wunderbare, das von seiner Umgebung und von dem gewöhnlichen Lauf der Dinge Abweichende interessiert. Das trat jetzt zurück. Er sah hier jetzt Menschen vor seinen Augen irren und zurechtkommen, leiden und jubeln, wachsen und werden, kämpfen und siegen. Immer wieder mußte er sich über den Lebensreichtum der evangelischen Erzählungen und Gleichnisse wundern. Das war nicht das Leben seiner Bauern und auch nicht das Leben seiner Bücher. Aber Leben war's, echtes, rechtes Leben, das fühlte er immer wieder. Und all dies Leben, das wurde ihm immer deutlicher, ging von einer Quelle aus, von Jesus Christus. Der hatte es so reich und stark in sich und nahm es immer wieder aus verborgenen Tiefen. Und seine Freunde konnten nicht von ihm loskommen. »Herr, wohin sollten wir gehen?« fragten sie, »du hast Worte des ewigen Lebens.« Und was wurden sie in dem Verkehr mit ihm, diese galiläischen Fischer und Bauern!

Es war durchaus kein theologisches Interesse, was den jungen Schulmeister bei diesen Entdeckungen leitete. Es war vielmehr das Interesse des innerlich werdenden Menschen, der sich nach vollem, ganzem, tiefem Leben sehnt und sich dahin wendet, wo etwas diesem Lebenshunger Sättigung zu versprechen scheint. Es war das Wachsen einer Seele, die sich wie die junge Pflanze unwillkürlich dahin streckt, wo die Bedingungen des Wachstums, Licht und Luft und Wärme, vorhanden sind.