Als Peter etwa drei Wochen in Solten war, verspürte er eines Abends Lust, den Schuster einmal zu besuchen. Durch die Kinder hatte er auch an ihrem Vater Interesse bekommen. Und auch die Angst des hochwürdigen Herrn in Brundorf vor diesem Verführer machte den Wunsch in ihm rege, den gefährlichen Menschen kennenzulernen. So wollte er sich denn doch nicht von dem Herrn Vorgesetzten bevormunden lassen, daß er sich von ihm in seiner eigenen Schulgemeinde seinen Verkehr vorschreiben ließ.
Er wartete die völlige Dunkelheit ab und machte sich dann auf den Weg. Das Haus lag etwas außerhalb des Dorfes auf einer kleinen Anhöhe.
Als er sich diesem näherte, tönte ihm Gesang entgegen. Schon wollte er umkehren, da verstummte der Choral, und er setzte seinen Weg fort. Als er vor der Tür ankam, hörte er drinnen einen Mann reden, im Gebetston. Neben dem nicht ganz schließenden Vorhang her sah er, daß eine größere Anzahl von Menschen in dem Zimmer auf den Knien lag. Da wandte er sich zum Gehen. Aber in eben diesem Augenblick schlug ein Satz des Gebets ganz deutlich an sein Ohr: »Bringe unsern jungen Schulmeister aus der Finsternis zu deinem wunderbaren Licht.«
Peter lachte kurz auf, wandte sich schnell auf dem Hacken herum und machte, daß er von dem Hause fortkam.
Dieser unverschämte Pechhengst! Diese unausstehlichen Pharisäer! Da lagen sie auf den Knien und beteten, wie weiland ihr Vorbild im Tempel: »Herr, wir danken dir, daß wir nicht sind wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Schulmeister.«
Ha, diese Dunkelmänner wollten einen klug machen, der auf dem Seminar die Abgangsprüfung als Zweitbester bestanden hatte?
Wie die Menschen doch bemüht waren, ihn zum Licht zu führen! Der Seminardirektor auf seine Weise, der Superintendent auf seine, und nun auch noch dieser Schuster! Wenn nur nicht das, was der eine für Licht hält, in den Augen des anderen gerade die allerdickste Finsternis wäre! Eine verrückte Welt! Da hält jedermann die armselige Tranfunzel, bei der er sich selbst vielleicht leidlich zurechtfindet, für das große Licht, das aller Welt leuchten soll, und hält alle die für Lichtfeinde und Dunkelmänner, die lieber ihrer eigenen Tranfunzel folgen wollen.
Von dem Wunsch, den Schuster kennenzulernen, war Peter geheilt.
Am nächsten Morgen, als die beiden Kinder des Mannes vor ihm in ihren Bänken saßen, mußte er sie nachdenklich betrachten. Die hatten beide etwas Sonniges in ihrem Wesen. Auch der kleine Paul. Es war eine Lust zuzusehen, wie er mit muntern Äuglein und spitzen Fingern den Feinden, Buchstaben genannt, keck zu Leibe ging. Wie traurig, daß solche Kinder in dem Hause des Dunkelmannes dahindämmern mußten! Nicht einmal eine Zuckertüte am ersten Schultage hatte der harte Mann dem kleinen Kerl gegönnt, und die hatte doch sogar er, Peter, seinerzeit bekommen. Er nahm sich aufs neue vor, ihnen wenigstens in der Schule zu geben, was irgend in seinen Kräften stände. Was denn? fragte er sich. Auch wieder — Licht. Da mußte er lachen. Das steckte in den Menschen doch einmal unausrottbar drin, daß sie einander Licht bringen wollten. Und es war vielleicht auch gut, wenn auch die Unvollkommenheit der menschlichen Natur es mit sich brachte, daß die Menschen so verschieden darüber dachten, was nun eigentlich das Licht sei. Aber es war doch wohl gut, daß die Menschen das, was sie für das Beste hielten, einander gönnten. Wie er sich die Sache so überlegte, konnte er auch über den Schuster nicht mehr ganz so hart urteilen, als er es gestern abend getan hatte.