Nie hätte Eberhard auf einen so freundlichen Empfang gehofft, wie er ihn bei dem Leiter der berühmten Schaubühne fand.

„Also: was bringen Sie mir heute? Ein Trauerspiel? Ein Lustspiel?“

„Ein Schauspiel,“ sagte Eberhard mit erheucheltem Mute.

„Hoffentlich kein ultramodernes Stück, wie das letzte?“

„Gar nicht modern! — Aus der Renaissancezeit.“

„Renaissance? — Hm, vielleicht ganz gut.... Ist nicht zu oft da... Gibt eine prächtige Dekoration...,“ erwiderte der kleine, energische Bühnenmann, der in Gedanken blitzgeschwind die ganze Ausstattung des Dramas entwarf.

„Packen Sie aus, packen Sie aus, junger Dichter,“ fuhr der Direktor lebhaft fort, „geben Sie mir das Manuskript... setzen Sie sich mir gegenüber... und geben Sie mir so kurz wie möglich den Inhalt der einzelnen Akte an. Ich habe nur wenig Zeit... muß zur Probe. — Aber Ihr Stück interessiert mich... also sprechen Sie....“

Er warf einen Haufen Papiere, die vor ihm auf dem Schreibtische lagen, beiseite, legte das Manuskript an ihre Stelle und begann darin zu blättern, während er das scharfgeschnittene, geistvolle Gesicht dem Autor zuwendete, der den Inhalt der drei Akte zu erzählen begann. —

Astorre Braglione, der Sohn und Erbe der herrschenden Familie in Perugia, ist ein gütiger, nachdenklicher und schwacher Mensch. Wird er dereinst der rechte Mann sein, um das Erbe der Väter gegen alle Gewalt und List der feindlichen Nachbarn zu schützen? Ach, daß er dem jungen Filippo gliche, dem unehelichen Kinde seiner schönen, lasterhaften, herrschsüchtigen Tante Atalanta Braglione, von der Filippo die unbändige Stärke, die verführerische Schönheit und die kraftvolle Schändlichkeit geerbt hat! Nicht einmal gegen seinen Vetter Carlo Braglione kommt er auf, dem Bosheit und Scheelsucht aus den tiefliegenden, schwarzen Augen funkeln. Astorre kommt noch zu Lebzeiten seines greisen Vaters zur Herrschaft; die Feindseligkeiten Filippos, des Bastards, und Carlos, verbittern sein Leben, bis die eine, die ewige Liebe in sein Herz einzieht und mit ihrem Scheine alle Schatten vertreibt. Die schöne Lilie Roms, Lavinia Colonna, ist Astorres Braut geworden. Nun mögen Filippo und Carlo an sich reißen, wonach ihr böses Herz steht! Was tut ihm das, wenn erst die edle römische Lilie mit ihrer Pracht und ihrem Duft an seinem Herzen ruht. — Der alte Fürst Colonna gibt den Verlobten zu Ehren ein prunkvolles Maskenfest; Lavinia, nur mit kostbaren, flimmernden, rosenfarbenen Schleiern und mit dem wallenden Mantel ihres Haares geschmückt, lehnt als Venus an einer Marmorsäule. Da plötzlich — was erbleicht Lavinia, die herrliche Jungfrau? Warum greift sie mit der Hand zum Herzen, warum werden ihre Lippen blaß wie Narzissen? Filippo hat in der Tracht des Orpheus den Festsaal betreten. Sein Haupt ragt über die ganze Schar der Gäste hinaus, obwohl zahlreiche stattliche Edelleute sich auf dem glatten Fußboden bewegen. Sein Arm hält die bekränzte Leier, Rosen krönen sein Haar. Er ist so groß, stark und brutal, seine Augen blicken so hart ... Seine Blicke treffen gerade in Lavinias Augen, werden weich und flammen dann begehrlich auf... Ihr ist, als ob ihre Seele versinkt in den Flammen dieser Augen.... Aber Astorre, der beglückte Bräutigam, tritt galant zu seiner Verlobten hin und legt die Hand auf ihren Arm. Lavinia zuckt zusammen, wie unter der Berührung eines eklen Gewürms, doch sie besinnt sich: immerhin — ihr Bräutigam ist der Herr von Perugia. Jener — er ist ihr ein Fremder; — sie wird ihn vielleicht niemals wiedersehen....

Und dann ist die Hochzeit in Perugia. Die Kavaliere und die edlen Damen, sie alle schwelgen in Lust und Übermut. Im schönsten Saale des Palastes Broglione ist dem jungen Paare das Hochzeitsbett bereitet, dessen hohes, geschnitztes Gestell ganz mit purem Golde überzogen ist. Die Neuvermählten werden unter Fackelglanz und Rosenregen ins Brautgemach geführt. Wer sieht den Stahl des Todes, der unter den Rosen der Liebe blitzt?