Da war er, der harte, hochmütige Zug in dem schönen Gesichte, der Hermann Thyssen manchen Feind gemacht hatte. Jetzt wußte Freidank, weshalb man ihn anfeindete. Die Schwachen, die dem Schicksal und seinen Launen hilflos unterworfen waren, sie beneideten den Starken, der ein Meister nicht nur im Ringkampf war, sondern auch ein Herr und Meister im Leben...
„Ich wette,“ sagte Thyssen jetzt mit klugem Lächeln, „ich wette, daß ein Mädchen dich damals festgehalten hat?“
„Ein Mädchen,“ sprach der junge Mann.
„Sie sind schlimm, die Mädchen! Man muß sich vor ihnen in Acht nehmen,“ scherzte Thyssen. „Fräulein Fritzi l’Alouette zum Beispiel — mein Gott, schlank, niedlich und kindlich war sie doch! — hab’ ich leider schon in Amsterdam nach vierzehn Tagen verloren. Sie bevorzugte meinen schwarzen Diener und Masseur gar zu auffällig... Vierzehn Tage treu zu bleiben ist eine harte Aufgabe für ein hübsches Mädchen!“ fügte er mit heiterem Spott hinzu.
Auch nachdem Eberhard sich von Thyssen getrennt hatte, hielt die Freude über die Begegnung an. Eine merkwürdige Heiterkeit, die sein Lebensgefühl aufs Angenehmste erhöhte, verklärte ihm heute selbst gleichgültige Handlungen. Am abend, als er Therese abholte, war ihm dann mit einem Male, als ob er dem Mädchen durch diese Freudigkeit ein kleines Unrecht zugefügt hätte. Da versuchte er sich selbst glauben zu machen, daß die Annahme seines Schauspiels ihm die glückliche Stimmung gegeben habe und stellte durch diesen bescheidenen Selbstbetrug sein Gleichgewicht wieder her.
An diesem Abende überschüttete er Theresen mit dem Reichtume seines Gefühls und trug diesen Überschwang auch in die nächsten Monate hinein. Er behandelte nun seine Braut mit um so größerer Güte, als er sich selbst im stillen fortwährend Vorwürfe machte. Der plötzliche Übergang aus einer Periode lebhafter Denk-Arbeit in eine fast beschäftigungslose Zeit hatte seinen Geist erregt und beunruhigt. Dazu kam, daß er nach der Begegnung mit Thyssen an seine Ringkämpferlaufbahn mit dem süßen und bitteren Schmerz einer unglücklichen Liebe zu denken begann. Der süße und bittere Schmerz steigerte sich nicht bis zu ernsten Leiden, nicht einmal bis zur Sehnsucht; aber er war immerfort da und brannte, als wäre seine Haut mit glühendem Eisen in Berührung gekommen. Um zu vergessen, übernahm er ab und zu kleine Arbeiten, die eine Spanne Zeit ausfüllten und ihm ein wenig Geld einbrachten.
Seine Liebe zu Therese gewann durch den Aufschwung seiner Gefühle an Inbrunst und Tiefe. Die zeitweilige Trennung und die keuschen abendlichen Zusammenkünfte unter den Augen der Mutter, bei denen niemals mehr etwas geschah, was den Brautleuten nicht erlaubt war, hielten seine Sehnsucht beständig wach. Dennoch trug er aus diesen Wochen keinen Gewinn davon, da eine Spannung, die niemals nachließ, ihn quälte und in Ruhelosigkeit versetzte.
Es war für ihn eine Erlösung aus müder, unfruchtbarer Zeit, als die Proben zu seinem Schauspiel auf der Höhe des Sommers einsetzten. Direktor Holderbaum hatte die Proben frühzeitig begonnen, um durch einen moralischen Druck zu erreichen, was seinem Drängen bisher nicht gelungen war, nämlich die Ausarbeitung seiner eigenen Lustspiel-Idee. In der Tat ging Eberhard sofort an dieses Werk mit einem gewissen Ungestüm, welches so kräftig war, daß es alle seine Unlust und seine Bedenken gegen die Arbeit überwand. In kaum drei Wochen vollendete er das Stück. In diesen drei Wochen war es seinem Herzen nicht um einen Schritt näher gekommen, wiewohl es in seinen Gedanken fortwährend gelebt hatte. Herr Holderbaum war von dem Gewande, welches Freidank seinem Geisteskindlein gegeben hatte, so entzückt, daß er nichts lieber getan hätte, als das Lustspiel zuerst aufzuführen und das Schauspiel später folgen zu lassen. Aber diesmal bestand Freidank starrköpfig auf seinem Kontrakte. Nun begann Holderbaum, an einzelnen Szenen des Dramas zu mäkeln. Wie? Filippo reißt dem Astorre das Herz aus der Brust und zerfleischt es mit seinen Zähnen? Und Lippen, die rot vom Herzensblut des jungen Gatten sind, soll Lavinia küssen? Welchem Publikum könne man so entsetzliche, bluttriefende Szenen zumuten?
Eberhard bestand weder auf seiner wörtlichen Fassung, noch auf der historischen Treue. Er gab nach, wo nachzugeben war, er ließ streichen, was gestrichen werden sollte. Aber in der Hauptsache blieb er zäh. Sein Schauspiel sollte die Reihe der Neuheiten einleiten. Dann konnte man das Lustspiel aufführen... oder was man sonst wollte...