„Nee, Damens! Feine Damens! ’n janzer Damen-Ringkampfklub!“ versicherte Leroux, freudestrahlend, daß er auch das weibliche Geschlecht für den athletischen Sport zu interessieren gewußt hatte. „Meine Frau, Lina heißt sie, trainiert die jung’ Damens. Eine Freude, sach’ ick Ihn’! Eine Lust, wie die junge Meechens ringen! Ringen und stemmen besser wie die Kerls, wahrhaftig... Es ist ’ne Schande für die junge Kerls, aba et is wahr! Meine Frau is aba ooch ’n Trainer, der sich jewaschen hat! Ooch naturell... Imma liejt se in de liebe Sonne, wie ick... Na, Sie müssen ihr seh’n! Braunjebrannt is se... dajejen sehe ick weiß wie’n Eisbär aus... Se is direkt schwarz... wie ’n Neja..., wie so ’n kleena Affe... Na, ick hab’ et jut jetroffen mit se, det muß wahr sind!... Aba nu woll’n wa ma’ ranjehn, Herr Roland —!“

Der Trainer sah übrigens, als er seine Jacke auszog und sich im ausgeschnittenen Trikot präsentierte, durchaus nicht „weiß wie ein Eisbär“ aus, sondern seine Haut glänzte in einem tiefen, natürlichen Braun. Er brauchte seit seiner Verheiratung nicht mehr Modell zu stehen und da er seine ganze Zeit auf die Pflege seines Körpers verwendete, war er noch kräftiger und elastischer geworden. Mit seiner glühenden Sportbegeisterung, seiner Munterkeit und seinen im Grunde vernünftigen Ansichten, die er drastisch und unter allerhand drolligen, sinnlosen Redensarten vortrug, war er ein idealer Trainer, der jeden, der sich ihm anvertraute, bis zur denkbar größten Höhe körperlicher und sportlicher Entwickelung führte.

Er ging mit Freidank äußerst scharf ins Training und erreichte damit, daß der junge Mann sich schon nach wenigen Tagen wieder frisch und lebhaft zu fühlen begann. Die Verdrießlichkeiten der jüngsten Zeit traten in den Hintergrund; er sprach nicht mehr davon und lachte sorglos, wenn Therese das Gespräch auf die nahe Aufführung brachte.

In dem Maße, in welchem der junge Mann sich der wiedergewonnenen Lebenslust überließ, wurde indessen Therese nachdenklicher und wohl auch sorgenvoller. Sie wußte, daß die nächste und auch die fernere Zukunft von der Aufnahme des Schauspieles abhing. Diese Verschiedenheit ihrer Sorgen und ihrer Auffassung von dem, was eine Entscheidung und Wendung in ihrem Leben bezeichnen sollte, führte eine unausgesprochene, stille und bittere Entfremdung zwischen den Brautleuten herbei, die Theresen tagsüber mitten unter dem Lärm und Klappern ihres Telephondienstes schmerzhaft quälte und ihren Nächten den Schlummer nahm und dafür die einsamen, heimlichen Tränen gab.

XII.

Therese saß mit klopfendem Herzen vor dem Vorhange, der sich in wenigen Minuten heben sollte, um das Werk ihres Bräutigams zu enthüllen. Es war ein kurioser und absonderlicher Gedanke für sie: diese Menschen, die ringsum die Reihen füllten, waren gekommen, um über seines Geistes Frucht Richter zu sein. Frau Ambrosius hieß das junge Mädchen aufstehen und nach irgendwelchen Bekannten ausschauen. Therese sah sich um. Sie überragte die meisten dieser Männer und Frauen. Sie kam sich in ihrer schlanken Höhe plötzlich einsam vor. Eberhard fehlte ihr. Sie dachte daran, daß er und sie in den letzten Wochen verschiedene Gedankenwege gegangen waren und sie empfand ein heißes Verlangen, in dieser Stunde, ach, in dieser Minute! alles, was sich störend fremd zwischen sie gestellt hatte, mit einem brennenden Kusse zu vernichten. Sie war doch da, die Liebe! sie lebte doch wie an jenem dämmernd grauen Januarabende, da ihre Lippen sich mit seinen aufs innigste vereinten, da die Macht ihrer Liebe so stark und sieghaft gewesen war, um den Losgelösten, Enteilenden zu fesseln und zu halten. Was hätte sie darum gegeben, hätte sie ihren Bräutigam jetzt, ehe die Aufführung begann, noch einmal umarmen und ihm mit einem Kusse ins Ohr flüstern können, daß sie eins mit ihm sei und daß sie fröhlich zu ihm halten wolle, was beiden auch der Zufall brächte! Aber sie mußte sich damit begnügen, nur ein zärtliches Gedenken dorthin zu senden, wo Eberhard weilte. —

Über einem fremdartig glanzvollen Bilde ging der Vorhang auf. Die Zuhörer waren sichtbarlich gefesselt von der Kraft einer Sprache, die mit vielem Glück die südliche Glut der Renaissancestimmung wiedergab. Die reichen Kleidertrachten, die den Augen von den Bildern der italienischen Meister her bekannt waren, erschienen seltsam und doch vertraut. Man kannte die Fabel des Stückes nicht; die Geschichte des Hauses Braglione war nicht genügend bekannt, um den Ausgang vorherwissen oder auch nur ahnen zu lassen. Darum nahm man den ersten Akt mit einem Wohlgefallen auf, der Thereses Herz in hellen Jubel versetzte.