Der zweite Akt brachte den Konflikt zwischen den feindlichen Verwandten. Da stand auf einer Seite das Paar, dem die Sympathie gehörte, Astorre mit der ihm angetrauten Lavinia. Die Bösewichter, die feindliche Partei, schmieden im Garten ihre finstern Pläne, während der Freudenlärm des Hochzeitsbanketts die Säle durchrauscht. Ein Engel wird mit den Guten sein, wird die Schwachen stützen, die feindlichen Mächte zunichte machen! — Der Akt ging zu Ende, die Jungvermählten wurden in strahlender Fackelprozession ins Hochzeitsgemach geführt. Dieses reizende Bild entzückte und riß hin; der Name des Dichters erklang von hundert Lippen, und wieder einmal, wie vor acht Monaten, stand Freidank vor einer Menge, die ihm Beifall klatschte... Irgendwo pfiff einer; der wurde niedergeklatscht ...
Hinter dem Vorhang beglückwünschten sie den Dichter, umarmten ihn in auflodernder Begeisterung. Holderbaum schüttelte ihm wild die Hände, gratulierte ihm und sich:
„Himmel, Mensch! Herr Freidank! freuen Sie sich denn gar nicht?“
In ihm war etwas... wie eine große Enttäuschung ... Wie anders hatte der Beifall einst im Odeontheater geklungen, da Tausende seinem schlanken Leibe, seiner Kraft und Schönheit freiwillig huldigten! Das war gewesen wie ein Meer, das dröhnend und schmeichelnd zu seinen Füßen rauschte....
„Einer hat gepfiffen!“ erwiderte er und lachte, „einer hat gepfiffen, Herr Holderbaum!“ —
„Sie sind nicht recht gescheit! Und die andern, die Bravo klatschten?“
„Immerhin!“ sagte Freidank eigensinnig, „es hat doch einer gepfiffen!“
Nein, sie huldigten nicht einem Geiste, der ihnen etwas zu sagen hatte, der sein Herzensblut und die Arbeit langer Tage und Nächte in sichtbare und hörbare Formen gepreßt hatte, um ihnen Geist von seinem Geiste darzubringen. Sie waren alle, fast alle! nur gekommen, um an dieser Stätte ihre eigenen Ideen nachgebetet, ihre privaten Meinungen bestätigt zu hören. Sie wollten gar nicht, daß der starke Überwinder Sieger bleibe und die Braut heimführe. Sie gönnten Astorre, dem guten, schwachen, friedliebenden Astorre Triumph über den kraftvollen Schurken. Ein Schrei des Mitgefühls, der Entrüstung bebte auf allen Lippen, als Astorre unter dem Mordstahl seines Feindes fiel... O, dennoch wird der Mörder unterliegen! niemals wird er Lavinia, die wunderschöne Lavinia, sein eigen nennen! — Da... wer sollte es glauben? — Lavinia, von der gesagt ist, daß sie „schön und stark ist, wie ein Tier der Wildnis,“ — sie wendet sich, wie ein Tier der Wildnis, dem siegreichen Nebenbuhler zu... Ohne Scham und ohne Mitleid, wie eine Löwin, die ohne Besinnen dem stärksten Männchen nachgeht, reicht sie dem Mörder die Lippen zum Kusse, die noch von den Küssen des ermordeten Gatten brennen...
Ein Sturm der Empörung brach los. Wie? so sollte ein Mensch, einfach weil er physisch größer und stärker war, über Moral und Recht triumphieren? Der Legitime, auf dessen Seite das Recht und die Ehre waren, mußte der brutalen Übermacht der Körperkraft weichen? Und das zuchtlose Weib dort oben, auch sie warf sich in tierischer Wahl dem kräftigen Mörder in die Arme? Ein Dichter wagte also, aller Gerechtigkeit zum Hohne, die rohe Faust zu verherrlichen, den Friedliebenden ein solches Entsetzen einzuflößen, den Frauen ein solches Beispiel aufzustellen? An allen Enden des Hauses brach der Tumult aus. Jeder einzelne fühlte sich ins Gesicht geschlagen. Jeder einzelne wollte dazu beitragen, diese Moral der Kraft niederzuschreien... niederzutreten... totzupfeifen... Einige Hände klatschten zum Hohn Applaus, einige Stimmen schrien aus Freude am Skandal nach dem Dichter. Da erschien Eberhard, der bei dem Übermaß von Wut und Mißfallen plötzlich befreit und wie erlöst sich selbst wiedergefunden hatte. Mit Entrüstung sahen es die Tobenden: er stand selber da, als der Stärkste von Allen, und er war nicht blaß, und er war nicht verlegen, sondern er lachte und machte in den Spektakel hinein eine ironische Verbeugung. Damit noch nicht genug, begann er als Antwort auf das Pfeifen und Heulen seinem eigenen hoffnungslos verlorenen Drama Beifall zu klatschen. —