Eberhard fiel es ein, daß er zweihundertfünf Zentimeter hoch war, und er richtete sich unwillkürlich straff auf. Die jungen Mädchen aber hinter ihm mußten plötzlich auch seine Größe und Stärke bemerkt haben, denn ihr Lachen und Zwitschern brach jäh ab und sie gingen stumm von dannen.

Der junge Mann unterdrückte ein stolzes Lächeln und schritt festen, langsamen Ganges weiter. Ein merkwürdiges Gefühl lag schwer und beruhigend in seinem Körper; er fühlte die Glieder so sonderbar fest und sicher in den Gelenken ruhen, er preßte die Fäuste zusammen und dachte: so viel Kraft, so viel Kraft, mit der man nichts beginnt...

Durch das grauweiße Gewölk des spätherbstlichen Himmels war die Sonne durchgebrochen und ihr warmes, gelbes Mittagsleuchten zauberte einen künstlichen Sommer auf der Straße hervor. Studenten kamen ihm entgegen, die ihre bunten Mützen und dreifarbigen Bänder im Sonnenschein spazieren führten, und andere, die Bücher unter dem Arme trugen. Eberhard Freidank mußte fortsehen und dann wieder gewaltsam hinsehen. Er gehörte ja doch zu ihnen, noch... und immer... Ihr Reich, das Reich des Geistes, der Pläne, Hoffnungen und Ideale, war auch sein Reich, ihr Streben war sein Streben, und die Schätze des Wissens waren der unversieglich reiche, ewig frische Born, aus dem auch er den Lebenstrank schöpfen wollte...

Er blieb an dem Schaufenster einer Buchhandlung stehen, in der er seine Bücher zu kaufen pflegte. Bis heute hatte er nur Augen für jene dickleibigen, schlichten Bände gehabt, die er zu seinem Studium brauchte, und für die modernen, farbenfrohen Umschläge der schönen Literatur. Jetzt eben sah er zum ersten Male die Bücher, die von Sport und Körperkultur handelten. Es waren ihrer allein in diesem Schaufenster fünf oder sechs. „Was ist das?“ fragte sich Eberhard mit flüchtigem, innerlichem Erschauern, „was ist das, daß in so vielen dieser Bücher die Lehre von der alleinseligmachenden Kraft ausgesprochen wird? Der Geist ist doch mehr, die Weisheit ist doch höher...“ Und er wendete sich dem Schaukasten an dem seitlichen Pfeiler zu. Dort waren Bilder und Reproduktionen auf Ansichtspostkarten ausgestellt. Eberhards Blick ging die Reihe der Karten entlang; es waren Nachbildungen antiker Marmorwerke auf schwarzem Grunde. Da stand der borghesische Fechter, da standen die florentinischen Ringer, der Apoxyomenos, die laufende Atalante....

„Höre doch endlich, Freidank!“ sagte eine helle junge Männerstimme dicht neben ihm, daß Eberhard sich schnell umwendete. „Ich rufe dich schon zum dritten Male an! Wer steht denn am lichten Mittage so versunken da? Zu einer Zeit, wo jeder Mensch den Fleischtöpfen Egyptens zustrebt, wenn er den Mammon dazu hat?“

„Du bist es, Tönnies,“ sagte Eberhard. „Warum bist du also auch hier, anstatt nach den Fleischtöpfen zu eilen?“

„Ich sagte es ja,“ antwortete Tönnies mit verdrießlichem Lachen, „kein Geld... Und ich habe noch keinen Menschen gefunden, der mir etwas pumpen kann... Ich bitte dich, am Dreiundzwanzigsten noch Geld... Nein, das ist zu viel verlangt! Dir wird es nicht besser gehen! Oder...?“

„Komm mit,“ sagte Eberhard mit seinem ruhigen, fröhlichen Lachen, indem er den Arm des Kommilitonen unter den seinen zog. Der junge Tönnies sah mit seinen hellen, runden Augen erstaunt auf.

„Du hast?... Am Dreiundzwanzigsten?... Ja, wo schleppst du mich denn hin? Heut’, am Dreiundzwanzigsten?“ —

Gemeinsam betraten die jungen Männer eines jener Bierhäuser, in denen die akademische Jugend verkehrt. In diesem Augenblicke drängte es Eberhard förmlich, die Gemeinschaft anderer Studenten aufzusuchen, mit ihnen am Tische zu sitzen, mit ihnen zu essen und zu trinken! Er mußte sich selbst überzeugen, daß er einer der Ihren war; kein Ringkämpfer, sondern ein Strebender, ein Suchender, ein Werdender, einer vom jungen Deutschland....