„Du hast doch beide Karten, nicht wahr!“
„Aber gewiß, Therese! Wie könnte es anders sein?“
XIII.
Sie lebten gemeinsam in jenem morgenfrischen Glück, das allein denen zuteil wird, die zum ersten Male in aller Reinheit und ohne Zagen den Kelch der Liebe an unentweihte Lippen führen. Der Mutter sandte Therese jeden Monat eine Summe Geldes, welche der gleichkam, die sie vorher im Amte verdient hatte. Sie schrieb auch Briefe. Wenn sie nun nichts von dem, was sie sandte, zurück erhielt, so bekam sie von der Mutter auch keine Antwort. Zu tief waren die mütterlichen Begriffe von dem, was man seinem Stande schuldig war, verletzt worden, als daß Frau Ambrosius in kurzer Zeit über die Flucht ihrer Tochter hinweggekommen wäre.
Die künftigen Wochen und Monate fanden Eberhard und Theresen fast immer beisammen in einer glücklichen Intimität, die sie beide noch nirgends kennen gelernt hatten. Therese ging an jedem Abend mit ihrem Geliebten in den Zirkus, in dem die Schar der Athleten ihre Kraft erprobte. Nach der Vorstellung verbrachten sie zuweilen Stunden und halbe Nächte mit den Freunden, mit denen Therese harmlos, wie eine Schwester, umging. Eine vertrauensvolle Einfalt ließ in Eberhard nicht einmal den Gedanken aufkommen, Therese von den Kollegen fernzuhalten. Ihre Gefühle waren viel zu einfach, ihre Liebe viel zu kräftig, um in Eifersucht auszuarten. Tagsüber waren sie lachend, scherzend und plaudernd beieinander, wie zärtliche und manchmal gar unvernünftige Geschwister. In der Nacht aber, wenn Eberhards Haupt auf dem blühenden Busen seiner Freundin ruhte und er durch das Nachtgewand hindurch das gleichmäßige Pochen ihres Herzens hörte, wurde seine Liebe so tief und groß, daß es ihnen beiden täglich von neuem schien, als sei dieses Heute der erste Tag ihres Lebens und der erste Tag der Schöpfung überhaupt, und als sei die ganze schöne, selige Welt nur geschaffen worden, um Eberhard und Therese zur Lust und Freude zu dienen.
Thereses Heiterkeit wurde sanfter, wandelte sich in Weichheit und Süßigkeit um. Es trat in die Reihe ihrer Empfindungen eine zarte, frische und naive Sinnlichkeit ein, die ihr ganzes Wesen durchdrang, untrennbar von der Summe ihres Daseins, doch nach einiger Zeit auch untrennbar selbst von der geringsten ihrer Gesten. Sie wußten in unschuldiger, verliebter Genügsamkeit beide nicht, daß Thereses sinnenfesselnde Schönheit einer reizend erblühten Rose Aufsehen und Bewunderung erregte.
Vier Wochen waren sie in Wien gewesen, dann einen Monat in Lemberg und einen und einen halben Monat in Warschau. Hier trennte sich Freidank von Thyssen, der auf Weihnachten in seine Heimat reiste, und trat alsbald in die Konkurrenz Gregor Kaufmanns ein, der zu Sankt Petersburg dreißig der größten Champions zum Kampfe um die Meisterschaft von Rußland vereinigt hatte. Im Laufe der Konkurrenz sollte zwischen einigen ausgewählten Ringern der Kaufmannschen Konkurrenz und einer anderen, die ein französischer Champion zusammengestellt hatte, ein Wettbewerb um das Championat von St. Petersburg ausgetragen werden.
Gregor Pawlowitsch Kaufmann selbst kam zu Roland ins Hotel, um die Gagebedingungen und die besonderen Abmachungen innerhalb der Konkurrenz mit ihm durch einen geschriebenen Kontrakt festzulegen. Er fand Eberhard und Therese am Frühstückstische, als er sehr ungeniert eintrat; Therese erhob sich alsbald in einer Verwirrung, die ihr ungemein anmutig stand; denn sie befand sich in einem lichten Morgenkleide, welches nur für den häuslichen Gebrauch bestimmt und mit seinem legeren Schnitte, der manche Reize des jungen Mädchens enthüllte, keineswegs für fremde Augen berechnet war.