„Heute nicht, Iwan Iwanowitsch. Wenn Sie es wirklich gut mit mir meinen, so wird es Ihnen ein Leichtes sein, bis morgen zu warten....“
Und dann schwieg sie wieder weite Strecken lang. Sie fühlte sich wie die erbärmlichste Kreatur, schlechter wie eine Verbrecherin, weil sie ihn belog, weil sie ihn in dem Glauben ließ, daß sie mit ihm nach Italien fahren würde, während sie fest entschlossen war, ihrem Freunde treu zu bleiben... obwohl sie Freidank bitter zürnte, daß er sie um schnöden Geldes willen zu dieser Komödie veranlaßt hatte... obwohl er vor allen Leuten Madame Chrysée in die Arme genommen hatte... Therese schlug den Schleier, der ihr Gesicht bedeckte, zurück und Lejkin blickte fortwährend mit Begeisterung auf ihr klares, kühnes Profil. War keine Hoffnung, sie schon heute abend zu entführen?
„Heute abend? O nein!“ sagte Therese und ihre Augen blitzten zornig auf. „Wir haben von morgen gesprochen, nicht von heute...“
Lejkin mußte sich fügen. Sie waren nicht mehr fern vom Hotel. Der Generaldirektor sah das Mädchen, das ihm kaum einen Blick schenkte, mit sehr herzlichen Gefühlen an und sprach ernsthaft:
„Ich begreife, daß Sie ihm noch diese Stunden schenken wollen... wenn er kommt, Therese. Wenn er nicht bei der trostbedürftigen Nuit d’étoiles....“
„Nein! o nein! das kann er nicht! das darf er nicht!“ rief Therese zum erstenmal in heller Verzweiflung. Was sie selbst gefürchtet hatte, hatte sie dennoch nicht einmal vor sich selbst in Worte kleiden mögen...
Lejkin sprach über diese Sache kein Wort mehr und fuhr fort:
„Wann Sie kommen, Therese, sind Sie erwartet und willkommen. Sie sollen nichts haben, Sie sollen nichts mitbringen. Am Nachmittage fahren wir aus und kaufen alles, was Sie zur Reise brauchen... Und haben Sie Vertrauen zu mir, Therese!“ sagte er beschwörend. „Ich werde Sie glücklich machen, soweit es in der Macht eines Menschen, dem Manches zugänglich ist, liegt...“
„Auf Wiedersehen, Iwan Iwanowitsch...“ flüsterte Therese, sprang aus dem Schlitten und eilte die Treppe des Hotels hinauf, ohne sich umzusehen...
Dann brannten in dem Hotelzimmer die elektrischen Birnen und verbreiteten Tageshelle, aber in Thereses Seele war schwarze Nacht. Eberhard kam nicht. —