Er kam nicht! — Er hatte sich nicht von der Tänzerin trennen können, die schmachtend und girrend an seinem Halse gehangen und um seine Liebe gebettelt hatte. Und das hatte er gerade an dem Abende getan, wo sie ihrer Liebe das größte Opfer gebracht hatte. —
Er kam nicht. — Sie ging nicht zu Bett. Sie wartete, bis die Nacht grau und blaß wurde und der Morgen zu dämmern begann. Da verblaßte allmählich auch ihre nächtliche Verzweiflung und wurde zu spöttischer Abkehr von dem Freunde ihres Herzens.
Zur gewohnten Stunde brachte man das Frühstück. Sie fror und trank eine Tasse Tee, aber sie konnte keinen Bissen von dem Brote genießen. Sie wettete zornig und stolz mit sich selber: „Eine halbe Stunde werde ich noch auf ihn warten. Wenn er dann nicht hier ist.....“ Als er dann noch nicht da war, gab sie wieder Zeit zu....
Um zwölf Uhr wurde sie von unsäglicher Wut gepackt. Sie schellte nach Schreibzeug und schrieb hastig auf den Bogen:
„Du hast mir keine Enttäuschung bereitet. Nachdem Du mir gestern abend im Ernst eine so unwürdige Verstellung zugemutet hast, mache ich nun Ernst — ganz ohne Verstellung. Du darfst nicht denken, daß ich Dir zürne, o nein. Ich wundere mich nicht einmal. Du hast dein Geld, ich habe einen reichen Verehrer gewonnen: wir haben beide von dem Handel profitiert. Viel Vergnügen, mein teurer Freund! Th. A.“
Sie kleidete sich zum Ausfahren an, bestieg einen der vor dem Hotel haltenden Mietsschlitten und fuhr in die Wohnung des Generaldirektors Lejkin. Er war in aller Frühe noch einmal in seinem Bureau gewesen und sehr bald zurückgekehrt, um Therese nicht eine Minute warten zu lassen. Nun wartete er, das kleine, intelligente Gesicht in finstere Falten gelegt, voll Unruhe und einer Sehnsucht, die ihm bisher fremd gewesen war. Er hatte in seinem Leben schon auf viele Frauen gewartet, aber so unruhig, mit soviel Zweifeln und Wünschen auf keine...
Wieder blickte er auf seine Taschenuhr; sie zeigte halb Eins....
Sein Diener Alexander klopfte an, trat ein:
„Gnädiger Herr... die Dame, welche der gnädige Herr erwarten, ist soeben gekommen. Sie beliebt im Bibliothekzimmer zu sein...“