Roland war, mit dem Ehrennamen des „Champions von Sankt Petersburg“ geschmückt, nach Deutschland zurückgekehrt und hatte selbst eine Ringkampfkonkurrenz veranstaltet. Mit der Größe und der Kraft seines jungen, unverbrauchten Körpers riß er ohne Mühe den Ruhm an sich und dazu den silbernen Eichenkranz, der dem Sieger als Ehrenpreis winkte.
Jedes weitere Auftreten band den Ruhm fester an seinen Namen. Materielle Erfolge blieben nicht aus. In seinem Portefeuille häuften sich die bunten Scheine, deren jeder eine Handvoll Goldstücke wert ist, und es kam ein Tag, da er bei einem großen Bankhause einen nennenswerten Kredit besaß. Roland, der Ringkämpfer, schien plötzlich in der Lotterie des Lebens das große Los gezogen zu haben...
Er fragte nicht viel danach. Er rang nicht nur um des Ruhmes willen und nicht allein dem Reichtum zuliebe. Er liebte nur noch seinen eigenen Körper, seine Kraft, seine Frische, seine Gesundheit. Seine Lebensweise fing an, für die Ringkämpfer vorbildlich zu werden. Wer mied, wie er, den Alkohol, das unnütze Durchwachen der Nächte, das entnervende Glücksspiel und den leichtfertigen Umgang mit Frauen? Wer stand, wie Roland, jeden Morgen frisch beim Training? Er füllte fast den ganzen Tag mit der Pflege seiner Gesundheit aus. Dies alles heilte seine Seele nicht, aber es brachte ihre Schmerzen und ihre Vorwürfe zum Schweigen.
Im Anfange seiner Laufbahn hatte es ihn über die Maßen gekränkt, bei seinen Kollegen so wenig von dem zu finden, was er als Student geistige Regsamkeit genannt hatte. Jetzt wußte er, daß die meisten Menschen sich um kleine, unbedeutende Bruchstücke des Wissens abmühen und ihnen unruhevoll nachjagen, wie ein Knabe, der einem Schmetterlinge nacheilt und dabei die blühenden Beete zertritt. Rolands Leben war reich, einfach und kräftig geworden. Er spürte nicht mehr in heißer, nächtlicher Denkarbeit den Goldadern des Geistes nach, die mühselig aufzugraben sind und sich oft genug, wie oft! in taubem Gestein verlieren. Ihm war, als wäre er einst mit seinem schmerzlichen Ehrgeiz und aller Sehnsucht, aus toten Steinen Gold der Gedanken zu graben, in finsterer Nacht gewandelt. Er hatte an die Tore der Kunst geklopft, aber sie hatten sich ihm nicht auftun wollen; er hatte die Wissenschaften gefragt, aber auch was der Gelehrteste weiß, ist nur Stückwerk und nur ein Teil des Wissens, also daß keiner die Tiefen des Wissens je durchdringen kann. Da hatte er sich der guten, einfachen Natur ergeben; und da wuchs er nun, wie eine große, schöne, unschuldige Pflanze Gottes, sog die frischen Lüfte und den Sonnenschein der Erde in sich ein und strahlte sie in Kraft und Gesundheit wieder aus.
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Die Fédération des Sociétés françaises de lutte hatte die Weltmeisterschaft im Ringkampfe ausgeschrieben. Von jeher pflegte Lutetia, die Stadt des Lichtes, die Hauptstadt aller Freude und Schönheit, auch die Helden der Kraft in ihren Mauern zu versammeln. Im Theater Folies-Bergère sollte der Wettstreit ausgetragen werden. Auch Roland mit einem Teil seiner Ringer war eingeladen, an den Kämpfen teilzunehmen. Er kam, und der Ruf, der ihm vorausgeeilt war, wurde durch den Eindruck seiner Persönlichkeit noch übertroffen. Er war so blond, sein Gesicht war so jung, sein Wuchs so schlank, seine Muskeln so stark, und er stand im Kampfe so ruhig! Paris war entzückt und vergab ihm seine deutsche Herkunft. Und ... wahrhaftig! es gab sogar Pariser und Pariserinnen, die dem blonden deutschen Riesen lieber den Sieg gegönnt hätten als ihrem eigenen Landsmanne Claude le Titan, der unter allen französischen Ringkämpfern die meisten Aussichten auf den Endsieg hatte.
Die Kämpfe sollten einen ganzen Monat lang dauern. In den Sportklubs, in Kaffeehäusern und Werkstätten, besonders aber im Theater Folies-Bergère, wurden schon nach dem Ablaufen der zweiten Woche Wetten abgeschlossen. Da stellte es sich heraus, daß die Mehrzahl der Wettenden doch lieber auf ihren französischen Champion halten wollte, als auf Roland. Nach einem ungeschriebenen Gesetze gewann fast niemals ein Fremder das „Championat du Monde“ zu Paris. Warum also sollte es diesem Deutschen, so groß und schön er war, gelingen, die heißumstrittene Weltmeisterschaft an sich zu reißen?
In diesem Jahre waren die exotischen Ringkämpfer in der Mode. Aus der Türkei, aus Afrika, aus Amerika, aus Persien und Japan waren Athleten gekommen, die indessen außer ihrer fremdartigen Erscheinung nicht viel an geschulter Kraft und Gewandtheit in die Wagschale zu werfen hatten. Jeder Ringer, der viermal besiegt worden war, schied aus der Reihe der Teilnehmer aus. So waren die Fremdlinge, die nur der Schaulust dienten, bald ausgeschieden und die ernsten Entscheidungskämpfe begannen. —
Schon nach den Gesängen Homers erhielten die Sieger im Ringkampf blühende Mädchen als Siegespreis und Lohn. Süß ist es für den Sieger, in weichen, zärtlichen Armen auszuruhen. Aber geschwächt und entnervt wird der Kämpfer, der auch mitten im Kampf nicht dem Locken der Sirenen widerstehen kann...