Claude le Titan widerstand nicht. Zu viele weiche, kleine Hände streckten sich lockend nach ihm aus, zu viele Frauenlippen dürsteten nach seinem Munde. Warum sollte er die Rosen nicht pflücken, die so nahe an seinem Wege blühten? Er fühlte sich ja ganz sicher. Mit den bedeutenden Teilnehmern der Konkurrenz hatte Claude le Titan geheime Abmachungen getroffen, nach denen er, der populärste Champion Frankreichs, der endgültige Sieger bleiben mußte. Und da Roland, der Deutsche, übrigens der einzige unter den Ringern war, der ihm ernstlich gefährlich werden konnte, so sollte Roland der zweite Sieger sein.

Freidank hatte bis zum letzten Abende nicht an die Möglichkeit gedacht, daß es anders sein könnte. Er wußte sich frei von dem Verlangen, den goldenen Gürtel von Frankreich, die berühmte „Ceinture d’or“, um seine Hüften zu legen. Am Morgen des Entscheidungskampfes kam ein großer Buchmacher zu ihm ins Hotel. Er zeigte dem deutschen Champion Zeitungsartikel und Briefe, die sich mit den Aussichten der beiden Favoriten, Claude Titan und Roland, beschäftigten. Mehrere Zeitungen empfahlen ihren wettenden Lesern, auf den Franzosen zu halten. Die Eingeweihten wußten doch genau, daß Claude le Titan sich mit der Ceinture d’or umgürten würde.... Nun kam der Buchmacher und stellte Roland vor, daß es für ihn vielleicht möglich sein würde, den französischen Champion im Endkampfe zu werfen. Freilich: das Publikum würde wüten, wenn der Franzose fiel. Aber was lag daran? Die Hauptsache war doch, daß man bei dem gerechten und doch illoyalen eventuellen Siege das Geld aus den Wetten einstrich. Der Totalisator war nicht öffentlich, sondern geheim, und dieses allbekannte Geheimnis reizte auch Leute zum Wetten, die sich an einem öffentlichen Totalisator vielleicht nie beteiligt hätten. Natürlich sollte Roland einen erheblichen Teil des Gewinnes einstreichen!

Als der Buchmacher vertraulich und geheimnisvoll seine Vorschläge gemacht hatte, mußte Roland herzlich lachen. In aller Welt erlebte man Ähnliches! Just so, fast mit denselben Worten, hatte ihn damals ein Buchmacher überreden wollen, sich von Aloys Binder im Revanchekampfe besiegen zu lassen. Und dann war es recht wunderlich gekommen, also daß er über Binder im bittersten Ernst Sieger geworden war... als es um Fritzi l’Alouette ging.... Er wurde in der Erinnerung einen Augenblick lang ernst und dann doch wieder heiter, und halb im Scherz sagte er dem Buchmacher zu, er würde Claude le Titan werfen... Der Buchmacher wollte einen schriftlichen Kontrakt machen und ihm schwarz auf weiß eine hohe Summe für seinen Sieg zusichern. Da wurde Roland verdrießlich. Er sagte, was vereinbart wäre, gelte auch ohne Papier und Tinte, nahm Hut und Überzieher und ging ins Theater, um seine Briefe in Empfang zu nehmen.

Es war ein Brief aus Deutschland dabei, der viele Stempel trug und der ihm an alle Orte nachgereist war, die er besucht hatte, seit er Berlin verlassen hatte. Der Brief aber lautete:

„Lieber Herr Freidank! Es ist nun über den ärgerlichen Abend, da unser armes Paar Filippo und Lavinia so energisch ausgepfiffen wurden, schönes, dichtes Gras gewachsen und ich kann es zuversichtlich wagen, meinen Gästen das wunderhübsche Lustspiel vorzusetzen, welches Sie damals nach meiner Idee geschrieben hatten. In der ersten Aufwallung über unser gemeinsames Mißgeschick wollte ich Ihnen das Lustspiel zurückschicken; aber Sie waren plötzlich verschwunden. Dann habe ich es nochmals durchstudiert, und nun hoffe ich, daß es einen Erfolg bringen soll. Kommen Sie, lieber Freidank, zur Première am 29. Oktober! Wenn es an irgend etwas mangeln sollte — Sie verstehen mich schon — so schreiben Sie es ruhig. Diesmal wird es kein Mißerfolg, das ist mir ganz klar. Meine Idee damals war doch brillant....“

Eberhard griff an seinen Kopf. Niemals mehr hatte er sich an dieses Stück erinnert, welches er einst in Unlust und Eile nach einem fremden Plane zurechtgezimmert hatte. Unwillkürlich sah er auf den Abreißkalender, der an der Wand hing. Es war der Einunddreißigste. Zwei Tage zuvor war in Berlin ein Lustspiel mit seinem Namen aufgeführt worden... Natürlich, es mußte noch schlimmer aufgenommen worden sein, als das Drama. Doch, was ging es ihn heute an? Er hatte sein Leben auf eine andere Grundlage gestellt, als auf das Spiel der Worte, das Spiel der Gedanken, das heute gefeiert und morgen verhöhnt werden kann. Zum Teufel, was ging ihn das Lustspiel an? — Und doch — dennoch weckte der Brief schlummernde Gefühle und schlummernde Schmerzen. Denn es war eine Erinnerung und ein Zeichen aus jener toten, holden Zeit voll Hoffnungen und voll Liebe...

Er lief in das Café de la Paix, wo deutsche Zeitungen liegen und las mit unendlichem Staunen, daß das schlechte Lustspiel vor den Zuschauern Gnade gefunden, ja: daß es einen großen, lärmenden Erfolg errungen habe! Er verlor ein wenig seine Fassung. Sollte er nach Berlin telegraphieren, sollte er... ja, was sollte er? Jedenfalls doch durfte er heute nichts tun, sich nicht aufregen, da ihm am Abende ein anstrengender Kampf mit Claude le Titan bevorstand. Zuerst kamen doch Beruf und Pflicht! Er hatte ohnehin das Morgentraining versäumt. Er gab sich Mühe, sich das schlechte Lustspiel aus dem Sinne zu schlagen und fuhr zum Speisen. Dann machte er einen kurzen Spaziergang und kehrte in das Hotel zurück, um einige Stunden zu schlafen. Vor dem Ringkampfe tat die Ruhe gut.

Als er aufwachte, fühlte er sich frisch und gestärkt. Alle Zweifel waren verflogen, alle Bedenken besiegt. Was zog ihn zurück in das Ägypten, das er verlassen hatte? Hier war Klarheit, hier war Gesundheit und Natur, hier konnte jeder nach seiner Kraft sich durchsetzen und behaupten. Jeder galt hier so viel, wie er wert war. Hier war die Kraft...

Er wanderte langsam durch die hellerleuchteten Straßen dem Theater zu. Alle Plätze waren ausverkauft. Roland trat in das Theater ein und hörte eine Weile den Künstlern auf der Bühne zu. Ein berühmter Tenor, ein Kind der Provence, sang schöne französische Liebeslieder. Gerade beendete er ein heiteres Liedchen mit dem Schlußrefrain:

„A nos dames donnez le prix!“