Alles dieses sagte der Halbfranzos im unverfälschten Berliner Dialekt; nur wenn er Virchow und andere Größen zitierte, sprach er hochdeutsch. Dabei kam es ihm auf die Echtheit der Zitate nicht so unbedingt an...
„Nich?“ sagte er, „det wundat Ihn’, det ick so braun bin, wie ’n leibhaftja Indjana? Det kommt allens von die Sonne... von die freie Natur... ‘Imma naturell!‘ sagte der sel’je Virchow. ‚Meine Herren!‘ sagte er, ‚an diesem Modell könn’ Sie sehen, was das naturelle Leben ausmacht...‘ Ja, ick lebe aba auch naturell!! In Somma, jeden Sonntach un jeden Nachmittach, wenn ’ck jrade nischt zu dun habe, raus in Wald... in Jottes freie Natua! Un denn Jacke aus, Hosen aus, Hemde aus... Hut ab... un nu Luftbeda! Un Sonn’beda! Un zwee Steine jesucht, oda zwee Holzkletza, un denn los mit meine Jebung’n! Det macht aba ooch jesund! Det jibbt Kraft, sowat! Kraft muß da Mensch haben, un jesund sind, allet andre kommt denn beinah von alleene! — ‚Wissen Se, Leroux,‘ hat Bejas mich schon manchmal jesacht, ‚det ha’m schon die ollen Jriechen jesacht, un da ha’m se Recht: die Kraft jeheert den Manne!‘ Un wat meen’ Se, ob ick jetzt in de Kälte meine Jebung’ vabummle? Nischt zu machen. Imma noch raus in Wald... Luftbeda...“
Er schwätzte abwechselnd vernünftiges und sinnloses Zeug. Eberhard hörte ihm höchst amüsiert und interessiert zu. Das war nun der erste, der ihm begegnete, aus jener Berufsklasse, der er selbst sich anschließen wollte. Der Trainer hätte noch lange weiter geredet, wenn ihm nicht eingefallen wäre, daß er heute abend die athletischen Übungen des Kraftsportklubs „Hermes“ zu leiten hatte. „Ein äußerst feiner Klub,“ erklärte er seinem zukünftigen Schüler, „lauter feine Herren! Alles Kaufleute un Buchhalters und so —! Ja, ein sehr nobler Klub!“ —
Das Trainierlokal befand sich auf einem schmalen, tiefen Grundstück der Fennstraße, welches nur mit Schuppen bebaut war. In den gegen die Straße hin gelegenen Schuppen lagerten Hölzer und Preßkohlen. Einen dieser Schuppen, der ganz am hinteren Ende des Grundstückes lag, hatte der Unternehmer als Übungsraum für Sportsleute eingerichtet und ihm den stolzen Namen „Training-Hall“ gegeben. Vormittags war er meist an Variété- und Zirkusartisten vermietet, die in dem hohen, weiten Raume genügend Platz hatten, um ungestört neue Tricks probieren zu können. Um die Mittagsstunde erschienen dann Berufs- und Amateurathleten, die unter Leitung André Leroux’ ihr Krafttraining vornahmen.
Eberhard war des Morgens noch schnell zu Fritzi hinaufgeeilt, um ihr zu sagen, wo er seine Übungen beginnen werde. Fritzi hatte ihn im Wohnzimmer der Wirtin empfangen. Sie war eben aus dem Bette gesprungen und hatte über das Nachthemd nur einen weichen, wolligen Morgenrock gezogen; über die nackten Füßchen hatte sie nur kleine Pantoffel gestreift. Sie hüpfte ihm nach ihrer Gewohnheit mit leichtsinniger Wildheit entgegen, so daß sie einen Pantoffel verlor, warf sich ungestüm eine Sekunde lang an Eberhards Brust und sprang sofort zurück, ihren Pantoffel zu suchen. Und wieder kam sie ihm unbeschreiblich naiv und reizend vor, hold und prickelnd zugleich mit dem vom Schlaf noch rosigen Gesichte und den wirren, dunklen Haaren. Das junge Mädchen fing sofort an zu betteln: „Ich darf doch hinkommen? Ich darf mir das doch ansehen?“ Er wußte nicht, was er ihr erwidern sollte. Er hätte es lieber gesehen, wenn sie nicht gekommen wäre. Aber da rief sie schon fröhlich: „O ja! o ja, ich komme! Sage, wann es anfängt, eine Stunde später bin ich da!“ Und sie hob, unwillkürlich, beide Arme, um ihren Zopf festzustecken, dessen Pfeilnadel sich gelöst hatte. Die weißen Ärmel glitten ihr über den Ellenbogen zurück, Eberhard sah die lieblich weiche, rosige Haut der Arme reizend aufleuchten und hatte nicht den Mut, ihr den Wunsch zu versagen... „Komme, Fritzi, und sieh dir alles an,“ sagte er, „es wird dir wohl nicht sehr gut gefallen!“ —
In der Trainierhalle waren mehrere kräftige junge Leute damit beschäftigt, ärmellose Trikotjacken über den Oberkörper zu ziehen. Eberhard nahm den Hut ab und sagte guten Morgen. Die jungen Leute dankten ziemlich kollegialisch für den Gruß, einige musterten ihn mit spähenden Blicken und alle nahmen dann ihre Unterhaltung wieder auf, ohne sich um den Neuankömmling weiter zu kümmern. Sie sprachen von den geschäftlichen Erfolgen, die einer von ihnen den Sommer über im Zirkus Blumenfeld gehabt hatte. Dieser junge Mensch war ziemlich klein, hatte eine gelbbraune Haut und schwarze, widerspenstige Haare, die dem Versuche, sie in der Mitte zu scheiteln, trotzten. Er hatte sehr kurze Hände und plumpe Beine und Arme; sein Hals war überaus dick, fast ebenso dick wie der Kopf, was ihm den Anschein ungewöhnlicher Stärke gab. Man konnte nicht leicht auf den Gedanken kommen, daß dieser starke und dicke Zirkusathlet ein besonderer Liebling der Frauen sein könne; darum war Eberhard ein wenig überrascht, den jungen Mann von seinen Erfolgen erzählen zu hören. Der Athlet renommierte nicht einmal, sondern plauderte leichthin:
„Wirklich komisch, die Weiber; draußen in der Provinz sind sie toller als in Berlin! — In Posen hatte ich auch herausgefordert; da meldeten sich ein paar Leute zum Ringen, richt’ge Ochsen... Na, unter uns, regulär hätt’ ich sie nicht gekriegt... Ekelhaft starke Kerls! — Aber da habe ich ihnen unversehens eins mit der Handkante auf den Hals gegeben, auf die Schlagader... so ’n bisken Dschiu-Dschitsu! Da flogen sie ja gleich... Ach, die Briefchens alle, die da kamen! Rosarote, blaue, lila... alle Farben... Rochen so jut, wie ’ne janze Parfümfabrik. ... Ick hatte die Auswahl!!“
Er lachte leise in der Erinnerung an seine galanten Abenteuer mit Provinzdamen....
„Na, jehste denn jetzt nich ’mal bei deine Adele...?“ fragte einer der herumstehenden jungen Leute den Zirkusathleten, „weißt doch, die Jelbseidne, Willi?“
„Bei so eene wer’ ick jehen!“ erwiderte der Ringer grob, „bei die jelbseidne Adele! — Nee, laßt mir mit die Berliner Mechens in Ruh! — Ja, wenn se allens abliefan wollten, wat se vadien’! Aba nee, is nich, wird imma Schmuh jemacht! Keile könn’ se kriejen, soviel man will, da jeben se ein’ doch nich allens ab! Imma ha’m se dann zu schlecht vadient! — Nee, laßt ma in Ruh, sach’ ick!“