Der ehemalige Zuhälter hatte sich in Eifer und damit in seinen ordinärsten Jargon hineingeredet. In dem Grade, wie er sich nun beruhigte, fing er wieder an, hochdeutsch zu sprechen und erklärte:

„Vom Zirkus aus, da kriegt man janz was andres... anständ’je Frauen, sage ich euch, Damen... Damen, die mitunter noch nie in’ Leben uff Seitenweje jegang’ sind. Aba wenn se unsaeen’ sehen, sind se futsch... Wenn se ’n Athleten vor sich haben, jeht die janze Anständigkeit zum Teufel! Offiziersdamen hab’ ich gehabt, jawohl... In Breslau hatt’ ich ne richtige Jräfin... Ach, Gott, wie hat mir die jeliebt! In ’ner Equipage ist sie immer mit mir ’rausgefahren nach einem Nest, was, glaub’ ich, Trebnitz heißt. Da sind wir spazierenjegang’ und sie hat lauter verliebte Wörter jered’t... Ach, ich bete dir an, hat sie immer jesacht, weil du mir vernichten könntest, wenn du wolltest! — I, wo wer’ ick denn sowas machen, mein Puppchen, hab’ ich ihr dann gesagt. Wer sollte mir denn seidne Taschentücher und seidne Strümpfe und Wäsche und die juten Zigaretten und alles schenken, wenn ich mein Puppchen vernichtete! — Dann hat sie gelacht und mir mit ihren weißen Pfötchen den Mund zugehalten und gesagt: ach, Willi, du sollst nicht immer so materiell reden! Du mußt mich doch um meiner selbst willen lieben und nicht an die törichten Kleinigkeiten denken, die ich meinem starken Helden zu Füßen lege. — Sowas Komisches hat sie aller Augenblicke jeredet! — Und nicht nur die, sondern alle die feinen Damen! — Nee, das ist was andres als das Mädchenspack hier in Berlin! Dabei hat man von den feinen Weibern noch mehr, wie von die Mächens! Die jeben, was man verlangt! — Ich hab’ mir nun mal uff die anständ’jen Damen jeschmissen, und dabei bleib ich!“

Die jungen Leute belachten die harmlos gesagte Äußerung als einen rohen Witz. Während sie noch lachten und sich freuten, betrat André Leroux die Halle. Er war schlechter Laune und schimpfte; es waren ihm im „noblen Klub“ die Ringstiefel gestohlen worden. Der Zirkusathlet klopfte ihm so stark auf die Schulter, daß ein normaler Mensch davon zusammengebrochen wäre, und sagte tröstend: „Na, laß dir man von deine Lowise neue koofen... Ach so, du hast ja keene... Na, is ooch bessa! — Is aber zum Schreien, daß die Leute in diesen Sportklub ooch schon sonne Dinger machen un’ klauen... Sind doch bloß Amateure!“

Das ließ der Trainer nicht auf den Athleten sitzen.

„Na, Willi!“ sagte er, indem seine starken, blonden Augenbrauen sich zornig zusammenzogen, „du willst doch nicht etwa behaupten, det alle Athleten klauen? Nee, det sind jrade bloß die dreckijen Amateure! Bei uns jibbt et sowat nich! Oda willst du etwa...?“

Während er dieses sagte, hatte er die Jacke ausgezogen, unter der er bereits das Trikot trug. Er streckte die muskulösen, kaffeebraunen Arme mit einer heftigen Bewegung von sich, als wollte er seine Kraft erproben... Dabei funkelten seine grauen, energischen Augen den Zirkusathleten eigentümlich an. Willi verglich flüchtig die braunen, gewaltigen Glieder des Trainers mit seinen eignen Armen, und der Vergleich mußte wohl zugunsten André Leroux’ ausfallen; denn er entschuldigte sich mit den Worten:

„Na, ’n jeder einzige klaut da nich un da nich —! Ick meente man!“ und wendete sich dem eisernen Gestell zu, von dem er eine Fünfundzwanzigkilostange herabnahm und seine Übungen begann. —

André Leroux trat zu Eberhard und schüttelte ihm mit fürchterlicher Gewalt die Hand:

„Na, ooch schon uff’n Posten? Un schon in Dreß? — Na, denn woll’n wa mal anfang’!“ —

Und nun fing er an, dem neuen Athleten die Griffe des Ringkampfs zu demonstrieren: Armfallgriff aus dem Stand, bei dem der Ringer seinen Gegner am Handgelenk und Unterarm mit einem Ruck zu Boden reißt, indem er selbst auf die Kniee fällt; Hüftschwung mit Kopfgriff oder mit Untergriff... Kopfschwung, bei dem der Gegner rücklings um den Hals gefaßt und in großem Bogen nach vorn geschleudert wird... Ausheber, Untergriff... Paraden... „Bei Ihre Jröße,“ sagte der Trainer mit einer Art von Bewunderung, „bei Ihre Jröße kenn’ Se se amende alle uff’n Ausheber kriejen... Et jibbt keen’ scheenan Jriff, als ’n Ausheber... Aber er ist bloß wat for jroße Ringer... Da is zum Beispiel Jankowsky — Se kenn’ doch Jankowsky’n? — na, der hat ne feine Spezialität von ’n Ausheber ausjeknobelt. Er tut, als wenn er Krawatte jreifen wollte, ja, — schiebt seine Arme aber plötzlich bis unter den Oberkörper des Jejners und drückt mit sein’ janzen Jewicht nach... So kriegt er erst ’mal jeden parterre... Finden Sie det scheen? Ich finde det jeistvoll... raffiniert... Dafor heißt der Jriff ooch mit Recht Krawattenausheber à la Jankowsky...“