Eberhard begann der Kopf von Fachausdrücken zu schwirren; er war froh, als das praktische Training begann. Von der Grenze der Ringmatte aus ging er auf den Trainer los, so daß sie sich in der Mitte trafen, reichte ihm flüchtig die Hand, wie er in der Arena von Ringern gesehen hatte und neigte sich ein wenig nach vorn, indem er mit beiden Händen nach den Handgelenken des Trainers griff...

„Ach, du hast schon Ringkampf trainiert,“ sagte einer der jungen Athleten, die zur Seite standen und dem Kampfe zusahen. „Du jehst jar nich erst in tiefe Jarde, bloß hohe... Mit deine Jröße aber auch... Mensch, du bist wohl ’n Zweemetermann?“ —

Es fand sich, daß Eberhard Freidank sich überaus schnell an die Technik des Kampfes gewöhnte. Ihm lag das ruhige Zuwarten und das blitzschnelle Einspringen im Blute. Seine Stärke machte ihn mutig, der Beifall der jungen Leute ermunterte ihn, und als Fritzi kam, merkte er es nicht einmal. Er hatte den Trainer zu Boden gerissen und bemühte sich, ihn mit einem der neuerlernten Griffe auf die Schultern zu drehen. Er kniete am Boden, einen Fuß aufgestellt, und überlegte mit leidenschaftlichem Eifer, innerlich glühend, wie er den kräftigen, braunen Menschen, der fest auf den Knieen und Händen hockte, umdrehen könnte. —

Fritzi trat heran, von den Kämpfenden nicht bemerkt, und reckte sich ein wenig auf den Fußspitzen auf, um den vor ihr stehenden Männern über die Schultern sehen zu können. Der Zirkusathlet wich einen Schritt zurück, um dem jungen Mädchen Platz zu machen, und sah ihr dabei mit Interesse ins Gesicht; seine Erfolge in der Provinz hatten ihn noch nicht so blasiert gemacht, daß er einem hübschen Mädchen keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt hätte. Sie gefiel ihm; er stellte sich dicht hinter sie und legte den Arm um ihre Taille. Fritzi bog den Körper zur Seite, aber Willi ließ nicht los und faßte sie nur noch fester. Sie drehte sich ärgerlich um; sie wollte dem jungen Menschen, der sie so keck umfaßte, sagen, daß er frech wäre. Aber als sie in sein gelbes, grob geschnittenes, rohes, dabei einigermaßen hübsches Gesicht blickte, fand sie seine Frechheit plötzlich amüsant und lachte ihn mit blitzenden Zähnchen an. Doch alsbald wurde ihr Blick wieder durch die Ringer gefesselt.

Eberhard, dem in diesem Training die Rolle des Angreifers zufiel, während Leroux seine Griffe nur durch regelrechte Gegengriffe parierte, schob seinen rechten Arm unter der Schulter des Trainers durch und faßte das Genick fest mit der flachen Hand. — Fritzi wendete sich unwillkürlich wieder nach dem Zirkusathleten um, der ihr zuflüsterte: „Det ’s Halbnelson, Fräulein.“ — Eberhard zog mit seiner großen Kraft den Trainer am Genick; da gelang es Leroux, erst mit einem und dann mit dem andern Bein langsam aufzustehen. Es war ein spannender Moment; ohne daß Fritzi sich dessen bewußt wurde, schmiegte sie sich, wie schutzsuchend, in den nackten, braunen Arm des Athleten, der sie immer noch halb scherzhaft, halb verliebt umschlang. — Leroux stand auf, während Eberhard, mit der ungeschickten Kraft des Neulings, seinen Griff zu behaupten suchte. Plötzlich sprang der Trainer mit einem Ruck um, faßte Eberhard von der Seite um den Leib, hob ihn hoch und warf ihn auf den Rücken... Fritzi sank zurück, als sie ihren Freund fallen sah; und Willi, mit schneller, stürmischer Gewalt, riß das zarte Mädchen mit beiden Armen an seine breite Brust und küßte sie zweimal, dreimal voll Heftigkeit auf den blühenden Rosenmund. —

Er vergaß einige Sekunden lang in der Tat seine Umgebung, seine Augen waren geschlossen und seine Lippen bebten noch auf ihren, als sie schon einen schnellen Blick auf Eberhard warf, ob er auch nichts gesehen hätte... Nein, er hatte nichts bemerkt. Er hatte an nichts, als an seinen Kampf gedacht. Nach der Wucht des Falles stand er eben wieder jugendlich elastisch vom Boden auf und sah nun erst sein kleines Mädchen, das lächelnd und rosig auf ihn zuging und ihm die Hand reichte.

„Na, sind Sie gekommen, ’mal nachsehen, wie weit er schon is?“ fragte André Leroux, indem er dem jungen Mädchen die Wange streichelte, „na, das is recht! — Komm’ Se man öfta! — Junge Mechens sehn wa hier imma jern, überhaupt sonne nette, wie Sie!“ —

Fritzi lächelte verlegen und geschmeichelt. Eberhard aber runzelte die Stirne; er bereute, daß er Fritzi erlaubt hatte, an diesen Ort zu kommen, wo die neugierigen, zudringlichen Blicke, die naiven, rohen Vertraulichkeiten der Athleten die Geliebte beleidigten! Er sah sich um, ob es nirgends einen Platz gäbe, von dem aus Fritzi unbehelligt dem Training zusehen konnte. „Setze dich, bitte, auf jene Bank, Fritzi,“ sagte er so laut, daß die Athleten es hören mußten. „Du bist dort allein, und du siehst den Ringkampf ebensogut.“ Und er blickte mit zornigen Augen über die Athleten hin, die gleichgültig herumstanden. Fritzi setzte sich, und das Training begann von neuem.

Diesesmal rang Eberhard mit einem der Athleten, die vorher zugesehen hatten. Es war ein Budenringer, der an mehreren Abenden der Woche in einer Schaubude auf einem Volksvergnügungsplatze seine Kraftleistungen zeigte. Aber dieser Beruf befriedigte ihn nicht; er strebte nach Höherem. Er wollte sich an Ringkampfkonkurrenzen beteiligen. Er war ziemlich stark, aber mit seiner Ringkunst war es nicht weit her. Trotzdem hätte er leicht Engagements gefunden, da er hübsch und kräftig war, aber durch seine Budenringerei war er zu stark kompromittiert; kein Manager mochte ihn engagieren. Nun trainierte er jeden Tag, um seine technische Fertigkeit bis zur Vollendung auszubilden. Einem technisch vollkommenen Ringer gegenüber konnten nicht mehr jene Standesvorurteile gelten, die wie eine weite Kluft die Budenringer von der vornehmeren Klasse der Konkurrenzringer trennten...

Fritzi langweilte sich; der Kampf Eberhards mit dem „schönen Adolf“ war ihr weniger interessant, als der Zirkusathlet, der sie vorhin so selbstverständlich umarmt und geküßt hatte. Sie fand ihn frech, natürlich; aber doch so interessant frech.... Ob er wohl auch nach ihr hin sah? Sie drehte das Köpfchen, wendete sich aber schnell wieder voll Verlegenheit ab, denn Willi sah sie ungeniert an und hatte sie gewiß schon eine ganze Weile beobachtet. Und, als ob er nur auf ihren Blick gewartet hätte, legte er ruhig seine Hanteln nieder, kam zu ihr und setzte sich neben sie. Und während der schöne Adolf sich die allergrößte Mühe gab, seinen großen und starken Gegner durch seine überlegene Technik zu werfen, hielt der Zirkusathlet Fritzi wieder mit seinem nackten Arm umfaßt und sagte ihr allerhand plumpe Liebesworte ins Ohr....