Ihre dunklen Augensterne funkelten unter dem schmalen Strich der Brauen, die mit dem schwarzen Stifte noch schärfer und feiner nachgezogen waren. Gelblicher Puder lag auf der zarten Haut, der rosige Mund war noch röter, lockender geschminkt und glühte wie frische Erdbeeren... Er wollte sie küssen, sie aber sprang neckend fort:

„O, das gibt’s jetzt nicht! — Ein andermal! — Jetzt würdest du mir nur die Schminke verwischen! Und nun schnell, schnell, komm hinaus, ich muß in die Garderobe!“

Sie trippelte eilig auf der Straße neben ihm her. Bald war das Theater erreicht; Eberhard reichte ihr die Hand und ging fort. An der nächsten Straßenecke verglich er seine Taschenuhr mit dem großen Chronometer vor dem Laden eines Uhrmachers. Es fehlten in der Tat noch mehrere Minuten an fünf Uhr. Er schalt sich selbst aus. Nun hätte er noch lange Zeit gehabt, mit Fritzi zu plaudern! Am liebsten hätte er das junge Mädchen zurückgerufen. Er zauderte kurz, besann sich, ob er sie aus der Theatergarderobe noch einmal zu sich bitten sollte, wendete sich dann aber dennoch um und ging nach Hause. Er sah nicht mehr, daß Fritzi an der Kassiererin des Variététheaters, die bereits in ihrem Verschlage saß, wieder vorbeistürmte, dem betreßten Portier, der ihr schnell eine Droschke besorgt hatte, ein Geldstück in die Hand drückte und eilends in den Wagen stieg, um ihr Rendezvous um fünf Uhr nicht zu versäumen... Der Portier schloß den Wagenschlag und das Gefährt rollte davon. Der Türhüter aber trat in seiner bunten Uniform wieder in den Hauseingang zurück und blinzelte die Kassiererin verständnisinnig an. Das Fräulein am Kassentische lächelte maliziös:

„Ja, die avanciert rasch! — Komisch, daß ihr Mensch nichts davon merkt, den großen Blonden meine ich! Den macht sie doch alle Tage zum Nulpen!“

„Er is ihr eben jut,“ sagte der Portier. „Amende meent er’s reell mit se und will ihr heiraten!“

Das belachten sie aber beide wie einen gelungenen Witz. —

Eberhard bog langsam in die Straße ein, in der er wohnte. Er hatte noch das bescheidene Studentenquartier inne, in dem er gelernt und gearbeitet, gedichtet, gehofft und gelitten hatte. Er dachte an den Abend des kommenden Tages und ein leichtes, nur von ihm selbst gefühltes Lächeln zog fröhlich, abenteuerlustig und verlegen um seine Lippen. Er ging langsam, den Kopf sehr gerade aufgerichtet, die Hände in den Manteltaschen. Es fiel ihm selber auf, wie schwer sein Schritt geworden war. Der ehemalige Turner, der seit Jahren gewöhnt war, die Zehen zuerst auf den Boden zu setzen, fing nun an, schwer und wuchtig mit der ganzen Fußsohle gleichzeitig aufzutreten. Sein Gang war breit, langsam und schwerfällig geworden, der Gang des Athleten, der gleichsam bei jedem Schritte seine Kraft und sein schweres Gewicht empfindet und beisammenhält. — Donnerwetter! sagte er zu sich selbst, bin ich wirklich nur noch im Trikot elastisch? — Und er ging durch die kühle Frische des Abends eilig den kurzen Rest des Weges nach Hause und sprang absichtlich behend die Treppen hinauf.

Er brauchte die Korridortür nicht aufzuschließen, sie war nur angelehnt. Er drückte die Tür hinter sich zu und trat rasch in seine Stube.

Es war darin schon dunkel; nur das Fenster schimmerte noch weißlichgrau im letzten, matten Lichte des scheidenden kurzen Wintertages. Aber auf dem Tische brannte eine Kerze, und davor war, tief über ein Buch gebeugt, ein Mädchenkopf, der bei Eberhards Eintritt erschrocken auffuhr. Gleich darauf aber lächelte Fräulein Therese Ambrosius, die Tochter der Zimmerwirtin, und sagte in einiger Verlegenheit:

„Sie werden doch nicht böse sein, Herr Freidank, daß ich in Ihren Büchern gelesen habe? — Es war das erste Mal, wirklich!“ —