„Aber ich denke nicht daran, böse zu sein,“ erwiderte der junge Mann mit seinem ruhigen Lächeln, „warum sollte ich? — In der Tat, ich habe nie bemerkt, daß Sie hier gelesen haben... Ich bitte Sie, Fräulein Ambrosius, lesen Sie alles, was Ihnen Spaß macht! — Ich schlage diese Bücher nicht mehr auf, darum werden sie sich doppelt freuen, wenn sie in zarte Damenhände kommen,“ fügte er mit einem linkischen Versuche, zu scherzen, hinzu.

Er war es nicht gewöhnt, mit Frauen umzugehen; darum fühlte er, in Gegenwart von Frauen, eine sonderbare Bedrückung. Er wurde nicht verlegen und nicht verwirrt. Aber wenn er einem dieser zarten und empfindsamen Geschöpfe, als welche die Frauen ihm erschienen, gegenüberstand, war es ihm, als ob etwas Weiches, Schweres auf ihm lastete, welches ihn zwang, mit diesen andersgearteten Wesen überaus sanft, fein und behutsam zu verkehren. Über die Frauen, welche einen Beruf ausüben, hatte er sich noch keine dauernde Meinung bilden können, weil er keine kannte. Mitunter hatte er ein lebhaftes, peinliches Bedauern empfunden, wenn er Fräulein Ambrosius zu später Abendstunde vom Telephondienste nach Hause kommen hörte. Sie erschien ihm zugleich unweiblich und beklagenswert. —

Fräulein Therese klappte das Buch zu, legte es nieder, machte sich irgend etwas zu schaffen; dann blickte sie auf und sagte schnell:

„Ihr Schneider war hier, mit der Rechnung; er behauptete, daß er nicht länger warten könnte.“

Eberhard fragte: „Nun, und dennoch ist er fortgegangen?“

„Er mußte wohl,“ sagte Therese heiter. „Mutter ist nicht zuhause; ich fertigte ihn ab... In zwei Wochen, bestimmt aber in drei Wochen bekäme er, was ihm zusteht, versicherte ich ihm... O, ich habe noch hernach lachen müssen, wie mißtrauisch der Mann mich betrachtete! — Ist das aber auch gewiß wahr? fragte er immer wieder. Ei freilich! sagte ich ihm, wenn ich es Ihnen sage, so ist es ganz gewiß!“

Ihre geringe Befangenheit, die leichte Verlegenheit, weil er sie bei seinen Büchern überrascht hatte, war dahin.

Eberhard sah über das Mädchen weg und sagte, mehr zu sich selbst, als zu Therese:

„Das ist ja nun auch gewiß — endlich. O, vorher hatte ich fast niemals Gewißheit. Endlich wird die Misere ein Ende haben.“

Das Fenster war nun schon ganz dunkel. Eberhards Blick glitt von dem Himmel, der in den Finsternissen der Nacht verschwamm, hernieder zu dem Kopfe des jungen Mädchens, der gerade von dem gelben Kerzenlichte bestrahlt war. Er hatte sie vorher eigentlich nie genau betrachtet. Der Dienst hielt sie meistens gerade in den Stunden fern, wenn er zuhause war. Nun sah er zum ersten Male mit Bewußtsein, daß die „filia hospitalis“ ein schönes, stolzes Gesicht hatte, welches von sanften, braunen Haarwellen umgeben war. Die beiden kräftigen Zöpfe waren in einen griechischen Knoten gesteckt. Tat es die Haartracht oder die edle Art, wie der schlanke Hals die Bürde des Hauptes trug, oder tat es das kühne Profil Thereses, daß sie ihm wie eine junge Diana erschien? Jedenfalls war sie hübsch und stolz, und ihr Kleid saß schmuck beim einfachsten Schnitt. Dies sah er mit natürlichem Wohlgefallen, plötzlich aber bemerkte er, daß das Fräulein ihn lächelnd und, wie er meinte, spöttisch ansah. Da sagte er, nun wirklich verwirrt: