„Ich nicht,“ sprach Eberhard Freidank trotzig, „ich nicht, Fräulein Ambrosius! Wer keine Kräfte hat, kann sie nicht anwenden... Ich habe sie, und ich gebrauche sie... Der Teufel hole die Arbeitsfreudigkeit! Ich habe sie nicht mehr. Ich bin von diesem Irrtume genesen. Ja, genesen.“

Er hatte es laut und fest und schnell gesagt, in einem starken, jugendlichen Trotze, mit dem er sich selbst überreden und das jähe Zagen und Schwanken seiner Seele beschwichtigen wollte. Und da er nun schwieg, vergaß er die Gegenwart des Mädchens und wußte nicht mehr, daß er nicht allein war. In seiner Haltung drückten sich Energie und Entschlossenheit aus; sein Haupt, das helle, blonde Niedersachsenhaupt, war zurückgebogen, die ernsthaften Lippen schmal zusammengepreßt. Ich bin von dem Irrtum genesen, sagte er noch einmal in Gedanken, während sein Mund fest geschlossen blieb. Und dann flog sein Geist doch nachdenklich zurück zu früherer stiller Arbeit in demselben Zimmer, aus dem er jetzt ausziehen wollte, um als ein neuer Siegfried, ein Held der Gliederkraft, die Welt zu erobern. Wie hatte es dem ruhig fröhlichen Norddeutschen so fern gelegen, mit der Schönheit und Stärke seiner Muskeln zu prunken! Das Gottesgeschenk seiner Kraft hatte er als eine selbstverständliche Gabe angenommen und sich ihrer erfreut, als eines unveräußerlichen Besitztums, so sicher, wie die Luft, die man atmet! — O, andere Ideale hatten sein Herz schneller und höher schlagen lassen; aus dieser stillen Stube hatten Werke des Geistes ausziehen sollen, die der Jüngling, über diesen Tisch gebeugt, in dem starken, wohlgebauten Schädel ersonnen und mit der großen kräftigen Rechten niedergeschrieben hatte! — Seine Blicke wurden dunkel, wie der Himmel, über den eine schwarze Wetterwand dahingezogen ist. Nun sah er sich um und entdeckte das Mädchen Therese, die kein Auge von ihm verwandt hatte.

Er mußte sich einen Augenblick besinnen, was sie in seinem Zimmer wollte; dann sagte er finster:

„Wie sehen Sie mich an? Bin ich ein Meerwunder? — Ach, Sie brauchen nicht rot zu werden... Genieren Sie sich nur nicht, mein Fräulein! Ich weiß nun Ihre Ansicht, sie ist nicht sehr schmeichelhaft... Sie finden den Sport verächtlich, allright... Bureaumenschen gefallen Ihnen wahrscheinlich besser... Nun, nichts für ungut, Fräulein Ambrosius! Ein jeder hat seinen besonderen Geschmack. Bei den modernen Damen ist er sogar sehr ausgesprochen..“

Er lachte sein gutes, verlegenes, jugendliches Lachen. Er schämte sich, das fremde Fräulein mit einiger Heftigkeit aufgezogen zu haben. Wie kam man auch dazu, mit einem dieser gebrechlichen Wesen über ernsthafte Dinge zu reden? Wie dieses Mädchen jetzt vor ihm stand... Gewiß, er hatte sie beleidigt...

Therese Ambrosius sah betrübt und ernsthaft aus. Die dunklen Augen standen groß und verwundert in dem weißen Gesicht.

„O,“ sagte sie langsam, „o, Sie haben mich mit Absicht falsch verstanden. Sie wissen das auch... Gute Nacht, Herr Freidank.“

Sie neigte leicht den Kopf und wollte an ihm vorüber zur Tür. Im nämlichen Momente flog ein schriller Klingelton durch die Wohnung. Frau Ambrosius kehrte von ihrem Ausgange zurück. Als Eberhard das Glockenzeichen hörte, war er mit einem Sprunge neben dem Mädchen. Nein, zornig brauchte sie nicht von ihm zu gehen! Er reichte ihr impulsiv die große Hand und flüsterte schnell:

„Fräulein — Fräulein Therese — habe ich Ihnen weh getan?“

Da schlug das Mädchen die Augen auf und erwiderte, gegen ihren Willen lächelnd: