„Mir — nein. O nein, mir nicht. — Doch nun, gute Nacht! Ich muß der Mutter öffnen...“
Während sie eilends hinausschlüpfte, sah sie Eberhard noch einmal bedeutungsvoll an, indem sie den Zeigefinger auf den Mund legte. Dann hatte sich die Tür geschlossen und Eberhard war allein.
Er trat an den Tisch zurück, nahm die Photographien auf und barg sie, ohne sie anzusehen, wieder in der Brieftasche. Das Werk, in dem Fräulein Therese Ambrosius gelesen hatte, lag auch noch auf dem Tische, gerade in dem gelben Lichtkreise der Lampe. Er stellte das Buch an seinen Platz auf dem bescheidenen Regal zurück. Dabei fiel ihm etwas ein: er sah sich um, ob nicht eine Kiste im Zimmer stände, oder sein Koffer, worin er alle Bücher, die ihm vordem zum Studium gedient hatten, verschließen konnte. Der Anblick dieser schlichtgebundenen Werke im schwarzen Kalikorücken war ihm plötzlich zuwider. Morgen, dachte er, morgen, oder in den nächsten Tagen, werde ich eine Kiste kommen lassen. —
Er ging noch einmal an das Fenster, öffnete es und sah hinaus in die Novembernacht. Draußen hatte ein leichter Schneefall begonnen. Der Schneehauch kühlte Eberhards Gesicht und strich ihm angenehm über die Haare hin. Eberhard fühlte plötzlich ein Verlangen nach dieser Kälte; er zog die Jacke aus, tat den steifleinenen Halskragen ab und stand in Hemdsärmeln mit bloßem Halse am Fenster. Der Schnee fiel dichter, wie ein flimmernder, beweglicher Vorhang vor einem unergründlichen Hintergründe....
Er stand lange, und dunkle, fragende, ahnungsvolle Gedanken, denen er keine Worte hätte leihen können, tauchten aus dem Grunde seiner Seele auf. Aber der leise, ununterbrochene Schneefall lenkte ihn immer wieder ab, zog seine Blicke hernieder, hernieder in den Tanz der wirbelnden Flocken.
Die leichte Kälte wehte an seine heiße Brust, er knöpfte das Hemd über der Brust auf und bot seinen warmen Leib der winterlichen Nachtluft, indes er langsam den Körper wohlig ausreckte....
Dann schloß er das Fenster, ging in das Zimmer zurück, löschte die Lampe aus und ging im Finstern schlafen, während er ohne große Verdrießlichkeit, aber ein wenig unsicher dachte:
„Was versteht sie davon, sie ist ein törichtes Ding, — jawohl, ein törichtes Ding, — und außerdem, was geht sie mich an...“