VI.

Tagsüber ruht das Odeontheater stumm, grau, unschön und unzugänglich, wie ein ungastlicher, schlafender Koloß. Der Torweg, rechts und links von Sandsteinsäulen flankiert, ist mit einem schwarzen, gußeisernen Gitter verschlossen. Aber wenn die Dämmerung alle Konturen verwischt hat, beginnt hier und dort ein Licht aufzublitzen, dem bald ein anderes folgt. Es werden immer mehr der Lichter. An allen Enden des großen Eckhauses steht abendwaches Leben auf. Nun erscheint über dem gemeißelten Sandsteinportale inmitten eines blendendweißen Flammenkranzes elektrischer Lampen der Name „Odeon“ in hohen goldenen Buchstaben. Jetzt ist an dem großen Gebäude nichts mehr grau und trist. Alle Konturen, alle Linien, alle Ecken treten klar, scharf und glänzend aus dem hellen, freudigen Lichte hervor; alle Fenster spiegeln heiter und einladend den Glanz der Bogenlampen wieder. Das Leben blitzt und lacht und funkelt aus dem erleuchteten Hause heraus, und darüber breitet die Freude ihre starken, sieggewohnten Schwingen. —

Die ersten Theaterbesucher erscheinen an der Abendkasse und lösen ihre Karten. Sie kennen die guten Plätze, sie verhandeln mit dem Kassierer und erhalten, da sie zeitig genug erschienen sind, ihre Lieblingssitze. Dann wenden sie sich zur Rechten und treten mit ihrem galantesten Lächeln in das elegante Theaterrestaurant ein, wo Fräulein Krömer, die Schwester der Frau Direktor Immermann, in ihrer üppigen, reifen Brünettenschönheit selbst an dem Büfette thront und mit stolzem, nachsichtigem Lächeln die Huldigungen ihrer Verehrer entgegennimmt. Welcher Theaterbesucher verehrt sie nicht? Kein Herr aber darf sich rühmen, jemals von Fräulein Leonie Krömer mehr empfangen zu haben, als ein freundliches Wort und ihr berühmtes, zugleich pikantes und selbstbewußtes Lächeln, das Lächeln, welches sich niemals das geringste vergibt, das Lächeln, welches rot und stolz wie Julirosen blüht. —

Im Theater brannten, da es noch zeitig war, nur erst die Wandleuchter und die Öllämpchen in den Gängen. Im Orchester war noch alles finster. Zwei Theaterarbeiter kamen durch den Spalt im Vorhange auf die Bühne hinaus, bis nahe an die Rampe, und schraubten ein Loch in den Fußboden; dann krochen sie durch denselben Spalt wieder zurück.

Auf der Galerie am hinteren Ende des Saales, wo die Sitze nicht numeriert sind, erschienen die ersten Besucher, wurde halblaut geflüstert, raschelten Programme.

Die Zeit war da; die unerklärliche, erwartungsvolle, aufreizende Theaterstimmung kam, als die bronzenen Riesengirandolen, die an starken Ketten von der hellen, hohen Decke des Saales herniederhingen, mit einem Schlage im Lichte ihrer elektrischen Kerzen erglänzten.

Im Orchester wurde hinter den dunkelgrünen Schirmchen hier und da eins der Pultlichtchen angezündet; dann schwirrten leise, nervöse Töne auf beim Stimmen einer Violine.

Die hohen Flügeltüren des großen, weiten, schönen Theatersaales standen weit offen, bereit, die Gäste aufzunehmen, die vorerst noch vor den Garderobespiegeln lächelnd ihr eigenes Bild bewunderten und heitere Blicke aufeinander warfen. Stets ist das Publikum der großen Variétés seltsam gemischt; heute aber hätte die Verschiedenheit dieser Gäste auch dem Unkundigsten auffallen müssen. Es gab da viele große, vierschrötige Männer mit herkulischem Körperbau und groben Gesichtszügen, Amateurathleten und Freunde des Kraftsports. Sie hätten, in so großer Zahl an einem Orte versammelt, zu jeder anderen Zeit Aufsehen erregt. Aber heute glitten die Blicke interesselos über sie hin, denn alles wartete auf die Starken, die erprobten, gefeierten Athleten.... In den Augen der Frauen glühte ein eigentümliches, heimliches Feuer. Es waren auffallend viele, schöne und elegante Frauen erschienen. Sie alle waren von einer Nervosität beherrscht, die sich hinter belanglosem Lächeln und kokett gesenkten Augenlidern verbergen wollte, und die heimlich fiebernde Unruhe zog ihre Blicke doch immer wieder auf die drei Meter hohen Plakate mit dem Bilde Hermann Thyssens, des Matadors, die den ganzen Raum dominierten. Auf blutrotem Grunde stand der Ringkämpfer, kampferbittert und siegessicher, und hielt seinen schwarzen Gegner kopfunter mit fürchterlichem Griffe hoch empor, bereit, ihn zu Boden zu werfen. Man sah die verzweifelte Gegenwehr des Negers, man sah die Anstrengung der starken Muskeln, den eisernen Griff der unwiderstehlichen Hände, die Energie der blauen Augen und des zusammengepreßten Mundes.... Sie lasen die Unterschrift: Hermann Thyssen, Champion of the World in Graeco-Roman Style — und ihre verschleierten Blicke sagten lautlos und bebend: Champion... Herrscher... Herr... Herr....

„Was siehst du an dem Bilde?“ fragte Frau Ambrosius ihre Tochter, die nachdenklich vor dem Plakate stand. „Komme auf den Platz, Therese! Es hat schon geschellt.“

„Ja, gewiß,“ erwiderte Therese, „nur noch einen Augenblick, Mama!“