Das junge Mädchen konnte sich nicht versagen, noch einen eitlen Blick in den Spiegel zu werfen. Therese konnte zufrieden sein; die rosige Farbe der Erregung stand gut auf ihrem Gesichte, und die zierliche, weiße Bluse umhüllte eine anmutige und kräftige Mädchenbüste. Im nächsten Augenblicke aber schreckte sie leicht zusammen und wendete sich unwillkürlich um. Im Spiegel hatte sie Fritzi erblickt, Fritzi, deren Bilder in graziösen, lockenden Posen auf der Kommode in Eberhards Zimmer standen. Sie erkannte sie gleich so bestimmt, daß ihr kein Zweifel blieb. Das kecke, zierliche Geschöpf zupfte an ihrem Lockenscheitel, strich den prallsitzenden Rock noch glätter und hing sich dann wieder an den Arm ihres Begleiters, mit dem sie stolz durch das Vestibül in den Theatersaal hineinschritt.

Therese blickte dem Paare finster nach. Eine dumpfe, zornige Eifersucht stieg plötzlich in ihr auf. Diese kecke Chansonette mit dem schwarzen Haar und dem tänzelnden, spielerischen Schritte liebte Freidank... diese schmale, geschnürte Taille hatten seine starken Arme umfangen... Was war ihr Freidank, was konnte er ihr sein? Sie hätte es in dieser Stunde nicht sagen können; aber mit hellsehendem, weiblichem Instinkte faßte sie eine tiefe Abneigung gegen die andere...

„Kommst du nicht?“ fragte Frau Ambrosius ungeduldig, und dann, indem sie dem finstern Blick ihrer Tochter mit den Augen folgte:

„Wem siehst du dort nach? — Wer ist denn das? — Ach, ist das nicht Herrn Freidanks Dame?“

„Es scheint so,“ erwiderte Therese kühl.

„Bestimmt!“ sagte Frau Ambrosius lebhaft. „Aber mit wem geht sie da, Therese? — Man kann von diesem Manne doch nur sagen: ein Kerl! — Ist das vielleicht ’n Bruder von ihr? Oder ’n Vetter? Ich habe ja immer gesagt, sie ist ’n ganz gewöhnliches Frauenzimmer!“

„Ich habe es nie bezweifelt. Übrigens geht sie uns gar nichts an, Muttchen,“ sagte Therese mit absichtlicher Gleichgültigkeit. Doch ihr Zorn gegen Fritzi verstärkte sich, da sie nun ihren Begleiter ins Auge faßte. Es war ein kräftiger, grobknochiger junger Mann mit ordinären, hübschen Gesichtszügen, aus denen Energie und Sinnlichkeit sprach. Fritzi lehnte sich kokett an ihn an, verschwendete ihr süßestes Lächeln an den Athleten und grüßte dazwischen mit blitzenden Augen ihre anderen Bekannten aus André Leroux’ Training-Hall, welche den hübschen Budenringer sämtlich um diese Eroberung hinter dem Rücken Freidanks beneideten....

„Ekelhaft,“ sprach Mama Ambrosius halb neugierig, halb entrüstet. Und dann eilten beide Damen, ihre Plätze zu erreichen; denn das dritte Klingelzeichen war soeben ertönt, und die Musik setzte mit einem schmetternden Marsche ein. —

Auf der Bühne zogen in farbigem Wechsel eine Sängerin, ein Akrobatenpaar, ein Hundedresseur vorüber; andere Artisten folgten; dann eine Pause... Und wieder Musik, und neue Menschen auf der Bühne. Man spielte eine Posse voll derber Komik. Aber je weiter der Abend vorschritt, desto mehr erlahmte das Interesse der Männer und Frauen, die den Zuschauerraum füllten und die tollen Witze da oben mit müder Gleichgültigkeit anhörten. — Nur zu Ende, zu Ende, daß die Ringkämpfer erscheinen konnten, die Ringkämpfer.

O, die Ringkämpfer —!