Kiesling und Roditscheff wurden immer zusammen genannt. Seit zwei Jahren waren diese beiden Ringkämpfer unzertrennlich. Roditscheff galt als der Mann von morgen und übermorgen. Zwei Meter hoch, stark und ruhig, ein fairer Sportsmann, ein guter Kamerad, gleichmäßig verehrt von Männern und Frauen, hatte der junge, blonde Riese die Sicherheit einer glänzenden Zukunft in seinen starken Händen. Sergej Roditscheff begnügte sich nicht mit einer kurzen Verbeugung. Er trat mit gekreuzten Armen bis nah vor die Rampe, lächelte stolz und ließ seine schönen, fröhlichen Augen siegesbewußt auf der Menge ruhen. Ein stürmischer Beifall brach laut und jubelnd aus. Der große, schöne Jüngling lächelte noch stolzer, noch strahlender und trat mit zwei gewaltigen Schritten in die Reihe zurück....
„... Aloys Binder, München, Meisterringer von Bayern....“
Aloys Binder war der Meistgeliebte. Ihm flogen die Frauen zu, und er verhöhnte sie, spielte mit ihnen, trat sie buchstäblich mit Füßen. In jeder Stadt, wohin er kam, hatte er bereits am zweiten Tage eine Schar demütiger Verehrerinnen, die er alle insgesamt wie Sklavinnen traktierte, ohne einen Unterschied zu machen zwischen Baroninnen und Cocotten, Kellnerinnen, Bürgerdamen und jungen, feinen Mädchen. Sein Äußeres war nicht einmal verführerisch. Die Roheit stand ihm auf der niedrigen Stirn geschrieben. Er trug die starken, braunen Haare steil hochgekämmt. Seine kleinen, meist halbgeschlossenen Augen funkelten böse und mißtrauisch. Am unsympathischsten aber war die untere Hälfte seines Gesichts, das spitze und doch starke Kinn, das auffällig weit vorgeschoben war und seinem Ausdruck etwas Tierisches gab. Tierisch waren auch seine Bewegungen, sprunghaft und raubtiergleich. Er warf einen hochmütigen Blick in das Parkett, wo in der ersten Reihe eine zarte, liebliche Dame im feinen, weißseidenen Gewande saß und anbetend zu ihm emporblickte. Unter seinem frechen Besitzerblicke errötete die junge Frau bis unter die schwarzen Scheitel...
„... Giacomo Petrocchi, Matador von Sizilien...“
Petrocchi lächelte selig, wie ein gutes, dickes Kind. Er war ganz ungeheuerlich dick und stark. In aller seiner dicken Gutmütigkeit aber war er ein fürchterlicher, fast unbesieglicher Gegner. Lächelnd, gleichmütig, ohne aus der Ruhe zu geraten, ließ er seinen Partner sich müde arbeiten, ohne andern als passiven Widerstand zu leisten. Mitunter glaubte man ihn verloren, wenn man ihn fallen sah. Aber er fiel nie, wenn er nicht wollte, denn er fiel immer in die Brücke. Sein gewaltiger Hals von mehr als fünfzig Zentimeter Umfang hielt jeden Druck aus; er hätte eine halbe Stunde unerschüttert in der Brücke bleiben können. Dann stand er plötzlich auf und machte seinen ermatteten Gegner rasch nieder, ohne daß das glückselige Kinderlächeln einen Augenblick von seinem dicken Gesichte gewichen war....
„... Vittorino Cardo, Messina...“
Das war der Bruder des dicken, hübschen Giacomo. Vittorino war von ganz anderer Art, ein schlanker, rassiger Italiener. Er war Ingenieur gewesen und hatte eine hohe Bildung genossen. Dann hatte er der sterbenden Mutter der beiden versprochen, über ihren Liebling Giacomo zu wachen. Von demselben Tage an verließ er alles, wurde ein Ringkämpfer und pflegte und hätschelte den um zehn Jahre jüngeren Bruder mit Mutterliebe und Muttertreue. Giacomo hing wie ein zärtliches Kind an seinem Vittorino... Es war ein unendlich inniges Verhältnis zwischen den Brüdern, ein zartes, rührendes Idyll unter den rauhen und brutalen Athleten. Vittorino hatte dem Jüngeren alles geopfert, alles, sogar seinen Ehrgeiz; denn er, der erst im Alter von siebenundzwanzig Jahren ringen gelernt hatte, war nur ein mittelmäßiger Ringkämpfer geworden und hatte jetzt, mit dreiunddreißig Jahren, keine Chancen und keine Wünsche mehr, als den ihm anvertrauten Liebling seiner schwärmerisch geliebten toten Mutter reich und glücklich werden zu sehen...
„... Karl van dem Domhoff, Champion der Normandie; — William H. Lanfrey, Irland....“
Das Publikum nahm die Ankündigung der beiden ruhig hin, ohne zu applaudieren. Sie waren beide unschön und erweckten keine Sympathie, der fuchshaarige Holländer und der lange, hagere englische Boxer mit dem unnatürlich kleinen Kopfe und den großen, knochigen Boxerhänden. Herr Markus war ein gewandter Sprecher; er witterte es sofort, wenn ein Ringkämpfer dem Publikum gefiel, und wußte mit Geschicklichkeit Beifallspausen zu machen oder weiterzugehen. Jetzt ließ er ein prachtvolles Dekorationsstück unter den Athleten vortreten: