„... Mansur, the Lion of the Sudan, der sudanesische Löwe!“
Mansur, der große, dicke Sudanneger mit den lachenden Wulstlippen, der platten Nase und den kleinen Ohren, an denen massive Ringe baumelten, erregte leidenschaftlichen Beifall. Sein mächtiger, tiefschwarzer Körper war in ein zartrosa Trikot gepreßt, welches die verschwenderische Fülle seiner Muskeln in herausfordernder Weise markierte. Die breiten Lenden, die enormen Schenkel des Schwarzen mußten die Wünsche der Weiber bis zur heulenden Gier aufstacheln ...
„... Kasimir Zabolotny, der Riese von Polen! — Mikita Zirkovitsch, Serbien! — Bernhard Meinken, Hamburg, Champion der drei Freien Reichsstädte, Meisterringer von Europa!“
Bernhard Meinkens Name war einer der gefeiertsten in der Sportwelt. Stark, ruhig, klug, schön und proportioniert, hatte er sich schon als Jüngling dem großen Abs als Freund und Schüler angeschlossen und von ihm, dem die Athletik Kunst und Lebensinhalt war, die große Ringkunst der antiken Welt, der Griechen und Römer, mit allen ihren Feinheiten erlernt. Dann kam das tragische Ende des großen Abs, dem seine Kraft eines Übermenschen zum Schicksal wurde. Bernhard Meinken hatte den schmerzlichen Verlust seines Freundes und Meisters nie ganz überwinden können. Eine ruhige Melancholie war in ihm geblieben, die selbst in den heitersten Stunden dunkel in seinen Augen stand. Seine Berühmtheit und seine fürstlichen Einnahmen hatten ihn niemals berauscht. Er hatte ein zartes, feines, blondes Fräulein, die Tochter eines dänischen Etatsrats, geheiratet, hatte ihr eine Villa in Uhlenhorst erbaut und die vier Monate des Jahres, die er bei seiner holden, kindlichen Gattin und seiner immer noch schönen Schwiegermutter, der Etatsrätin, die sich längst mit der Ringkämpferheirat ihrer Tochter ausgesöhnt hatte, zubrachte, waren eine Zeit voll des reinsten, intimsten Familienglückes.
„... Jimmy Holyhead, Australien! — Frank Argyll, Texas! Sala ben Brahim, Champion der Türkei! — François à la Crinière, der Herkules von Frankreich! — Raymond Poing de Fer, Lutteur-Matador der Provence! — Willi Lehmann, Berlin!....“
Der Lokalpatriotismus brach in helle Begeisterung aus. Das heftigste Klatschen aber drang aus einer Loge zur Rechten, in der elegante Demimondänen in hochmodernen Roben und auffälligen Hüten saßen. Sie kannten ihn alle, den einstigen Freund der „gelbseidnen Adele“, den Matador sämtlicher Berliner Athletenklubs, den gefürchtetsten Zuhälter Berlins. Wie hatten sie die gelbseidene Adele um den gelbbraunen Athleten mit den schwarzen, borstigen, widerspenstigen Haaren beneidet! Er war Adelen ein strenger, furchtbarer Herr gewesen, aber er hatte sie gezwungen, Karriere zu machen. In einem Jahre war sie von einer gewöhnlichen Tanzbodendirne zu einer der gesuchtesten Demimondänen avanciert. Als er sie so weit gebracht hatte, war sie ihm plötzlich langweilig. Er wollte sogar wieder arbeiten, um sie los zu werden. Da wurde er als Zirkusathlet engagiert, reiste kurze Zeit mit Zirkussen, die ihn wegen seiner entsetzlichen Roheit immer gern wieder entließen, kam im Herbst auf gut Glück nach Berlin und beabsichtigte nichts, als seine Einnahmen aus dem Zirkus hier durchzubringen. Da traf ihn plötzlich das unerhörte Glück, in eine angesehene Konkurrenz eintreten zu können. Am Tage vor Beginn der Berliner Konkurrenz hatte Ola Carstensen telegraphisch abgesagt. Hermann Thyssen empfing das Telegramm in einer Athletenkneipe des Nordens, dessen Wirt er aus den Anfängen seiner Laufbahn kannte. Der Wirt, ein ehemaliger Ringer, winkte Willi Lehmann, der zufällig in der Nähe stand, herbei, und fragte Thyssen ohne Besinnen:
„Kannste nich den da statt dein’ ollen Schweden jebrauchen?“
Thyssen mußte über den „ollen Schweden“ lächeln, und fünf Minuten später war der Zirkusathlet für die bedeutendste und geachtetste Ringkampfkonkurrenz engagiert...
Nun folgte ein Schlager dem andern; jeder Name, der genannt wurde, entfesselte rasenden Enthusiasmus:
„.... Manuel Gomez, el Toro de Granada!“