Die Ringkämpfer verließen die Bühne, um sich in den Garderoben umzukleiden. Nur die sechs Ringer des Abends blieben auf der Bühne. Van Muyden und der Berliner mußten sofort zum Kampfe antreten, die übrigen vier hüllten sich in Laken und Bademäntel. Sie standen plaudernd beisammen und schimpften auf Englisch über die Kälte. Sala ben Brahim verstand nicht viel Englisch, aber er schimpfte mit. Thyssen, dem Mikita Zirkovitsch den hellen Mantel um die Schultern gelegt hatte, sprach noch einige Worte mit dem Serben und verabschiedete ihn dann durch eine einfache Kopfbewegung. Er stand nun allein, fest in seinen Mantel gewickelt, und sah schweigend hinter der ersten Kulisse dem Ringkampfe zwischen van Muyden und August Bluhm zu. Niemand sprach ihn an, und er schien niemanden zu sehen. Doch als Eberhard an ihm vorbeiging, fühlte er wieder, wie vor einigen Wochen im Theaterbureau, jenen ruhigen und dabei flammengleichen, unergründlichen Blick des Matadors auf sich gerichtet. Er spürte ihn noch, als er in die Garderobe trat, in der ein Teil der Athleten schon mit dem Umkleiden beschäftigt war, während andere noch plaudernd umherstanden.

Vittorino Cardo war seinem Bruder behilflich, das Obertrikot über den Kopf zu ziehen. Inzwischen fragte Giacomo mit knabenhaftem Lächeln:

„La réprésentation finie, où irons-nous?“

„Nach Hause,“ erwiderte der Ältere freundlich. Auf jede Bildungsmöglichkeit bedacht, sprach er mit Giacomo gern in der Sprache des Landes, wo sie jeweilig auftraten.

Giacomo sah ihn unglücklich und erschrocken an, und der Ausdruck seines Gesichtes war so entsetzt, so kindlich betrübt, daß Vittorino rasch sagte:

„Va, nous irons souper quelque part.... ou au café... ou même ce que tu voudras....“

Da war Giacomo wieder fröhlich und lachte wie ein zufriedengestelltes Kind. —

Manuel Gomez, der immer ungeduldig war, hatte sich eben durch seine rohen, heftigen Bewegungen das Trikotbeinkleid zerrissen. Nun besah er den Schaden und stieß auf Spanisch die gotteslästerlichsten Flüche aus, in denen allen Heiligen übel mitgespielt wurde und besonders „el culo de la Madona“ in unehrerbietiger Weise erwähnt wurde. Willi Lehmann sah dem Spanier zu, wie er über ein kleines Mißgeschick wütete, und mußte über Gomez’ Zorn und seine unanständigen Flüche so sehr lachen, daß er die Schnürbänder seiner Ringstiefel nicht aufknüpfen konnte. Immerfort lachend reichte er Eberhard, seinem Bekannten aus der Traininghalle André Leroux’, die Hand und erkundigte sich nach Fritzi. Eberhard erwiderte wortkarg, daß es ihr gut gehe, und brach sofort die Unterhaltung mit dem Zirkusathleten ab.

Eben kam ein Kellner in die Garderobe und fragte nach Herrn Binder. „Das bin ich,“ sagte Aloys Binder, „was willst du denn von mir?“ Er saß in Unterhosen auf einem Koffer und sah den hübschen Kellner frech und neugierig an. „Ich bringe Briefe,“ erwiderte der Kellner, „fünf Briefe — bitte.“ „Weiter nichts?“ sagte der Ringkämpfer verdrießlich, „Briefe? — Richtig, vier Briefe und ein Zettel! — Natürlich von Weibern... Hat einer von euch vielleicht Verwendung für die Weiber?“ fragte er mit zynischem Lachen, indem er die Briefe in der Luft schwenkte.

„Wenn du se nich brauchen kannst —,“ sagte Willi Lehmann gierig, „denn zeig ma’ her... Ick könnte ja vielleicht eena oda zwee’n den Jefallen tun... Ick bin for die Weiber, aber ick jenieße se sehre mit Vorsicht!“