Und er griff nach den Briefen, die Aloys Binder ihm ohne weiteres zum Öffnen überließ. Eberhard staunte, wie gut der Zirkusringer sich dem Verkehrston der Champion-Athleten anpaßte. Jetzt riß er die Briefe auf; Binder, der immer noch in Unterhosen herumlief, und Lehmann lasen sie unter Gelächter durch und verkündeten ungeniert ihren Inhalt...

Diese Briefe, stammelnde, sinnlose Beteuerungen und Bitten voll Bewunderung und Leidenschaft, stammten seltener von jungen Mädchen, als von Frauen. Nur sehr blasierte junge Mädchen, die schon mancherlei Liebe genossen hatten, erlagen dem Zauber der athletischen Muskeln. Aber die jungen Frauen, jene, die an einen ungeliebten oder älteren Mann gekettet waren, jene, die in ihren Kreisen für keusch und unnahbar galten, sie brachen zusammen beim Anblick soviel starker, gesunder, muskulöser, wohltrainierter Männlichkeit. Die Flammen, die sie daheim unter Schweigen und Tränen, im verborgenen geweint, zu ersticken suchten, sie schlugen plötzlich auf und fraßen die natürliche Scham der Weiber auf, jene Scheu, die dem Weibe verwehrt, ihren Leib dem Manne selbst anzubieten. Dann verlangten sie, gleich im Theater, errötend, mit niedergeschlagenen Augen, Schreibzeug, spendeten dem Kellner, der ihr Liebesbote sein sollte, üppige Trinkgelder und warteten zitternd und verlangend auf den Starken, ob es ihm gefallen möchte, ihre Liebe anzunehmen...

Diesmal hatten die Schreiberinnen Glück. Willi Lehmann übernahm zwei der Briefe. An eine Dame wollte er schreiben, die andere hatte gleich einen Rendezvousort unweit des Theaters angegeben. Aloys Binder interessierte sich nur für eine Journalistin, die ihre Visitenkarte mit voller Adresse gesandt hatte. „Sowas habe ich gern,“ sagte er, „Malerinnen, Schriftstellerinnen, Journalistinnen, die machen Spaß... Die machen alles mit, kennen alles, sind nicht zimperlich und trotzdem nicht gerade gemein... Das einzige ist, sie zahlen nichts! Künstlerinnen zahlen nichts, und schenken auch nichts! Höchstens Bücher und solches Zeug! — Aber diese kleine Zeitungsschreiberin, oder Dichterin, oder was sie ist, werde ich mir morgen mal ansehen. Schreibt, daß sie dreiundzwanzig Jahre alt ist. Wenn’s wahr ist....“ Dazwischen kam ihm ein Gedanke: „Hast du denn Geld genug bei dir?“ fragte er lauernd.

Willi Lehmann, der gerade vor einem halbblinden Spiegel seine grellfarbige Krawatte umband, drehte sich schnell um, als ob er schlecht gehört hätte:

„Jeld? — Mensch, ist das dein Ernst? — Wenn man von ’ne Donna injeladen wird, ooch noch wat bezahlen? — Ach nee, Willi Lehmann nich! Da müss’n se de Zeche zahlen un außerdem noch orntlich blechen, die Weiber, wenn ick mir for ihr Vajniejen bemüh’n soll!“

Er setzte den runden, steifen Hut auf und verschwand. Gleich hinter ihm verließen Sergej Roditscheff und Paul Kiesling die Garderobe. An der Tür kehrte Kiesling noch einmal um. Er hatte bemerkt, das Roditscheff seinen Koffer nicht abgeschlossen hatte, ging zurück und steckte den Schlüssel zu sich.

„Immer die Ordnung!“ sagte der Russe in seinem harten Deutsch halb anerkennend, halb spöttisch. Kiesling begnügte sich damit, die Achseln zu zucken, und Roditscheff fuhr fort:

„Wohin schleppst du mich jetzt, Paul? Ins Theaterrestaurant?“

„Höchstens, um dort zu essen,“ versetzte der Westfale, „hernach gehen wir zu Jolly!“