Eberhard gab schweigend die Photographie zurück. Er wußte nicht, wie er die zynischen Reden des Athleten mit diesem Porträt des lieblichsten Engels in Einklang bringen sollte. Übrigens kamen eben Jan van Muyden und August Bluhm von der Bühne zurück, wo sie eine halbe Stunde miteinander gerungen hatten, ohne daß einer von ihnen gesiegt hatte. Von einer Gegnerschaft der Beiden war nichts zu bemerken. Sie trockneten sich den Schweiß ab und rieben sich dann gegenseitig den Oberkörper mit wollenen Frottiertüchern. Wenige Minuten später erschienen auch Lanfrey und Frank Argyll. Der kleine, braune Neger war von dem langen Irländer zwei Minuten nach Beginn des Kampfes besiegt worden. Er schüttelte wehmütig sein häßliches, braunes Köpfchen und erklärte melancholisch, daß Lanfrey nicht nötig gehabt hätte, ihn mit so viel Wucht über die Schulter zu werfen; er hätte ihn doch besiegt, no doubt... Und er schüttelte fortwährend den Kopf. Lanfrey hörte gar nicht auf die Vorwürfe Argylls in dem schlechten Neger-Englisch. Er war Temperenzler, hielt alle übrigen Menschen für Säufer und verachtete sie wegen ihrer Trunksucht tief. —
„Guten Abend!“ sagte Eberhard energisch. Er sehnte sich, ins Freie zu kommen. Das kindische und sinnlose Treiben seiner Kollegen in der Garderobe widerte ihn an. Die Bühne war augenblicklich ganz leer, da Thyssen vorne mit Sala ben Brahim rang. Dabei duldete der Weltmeister niemanden in den Kulissen. Eberhard trat aus dem Bühnenraum durch eine kleine Tür, die auf den schmalen Gang hinter den Logen führte. Er suchte seine Freundin Fritzi. Zu seiner Überraschung war Fritzi nicht mehr da. Sollte sie schon nach Hause gegangen sein? Er fragte den Schließer, der nur wußte, daß eine kleine brünette Dame mit einem Herrn fortgegangen war... Eberhard dankte; das konnte also Fritzi nicht sein. Wo aber war sie dann? —
Er stieg die Treppe hinunter und gelangte in den Theatersaal. Dort war das Fieber der Sportleidenschaft aufs Höchste gestiegen. Auf der Bühne rangen, balgten und wälzten sich die ineinander verschlungenen Leiber Thyssens und des Türken. Eben gab der Manager dem Orchesterdirigenten einen Wink; die Musik mußte schweigen. Bisher hatte der laute Marsch das Geräusch des Ringkampfes übertönt und immer noch ein wenig die Aufmerksamkeit abgelenkt. Nun breitete sich herzbeklemmend eine aufregende Stille aus und nur von der Bühne drang das heftige, animalische Stöhnen des Türken. Der mattbraune Leib Sala ben Brahims war schon ganz mit Schweiß bedeckt. Der Schiedsrichter pfiff und unterbrach die Ringer auf eine Minute, während welcher die Gegner abgetrocknet werden sollten. Der Türke verschwand; Hermann Thyssen blieb mit ruhigem, hochmütigem Gesicht nahe an der Kulisse stehen, fing ein ihm zugeworfenes Handtuch auf und trocknete flüchtig über Arme und Hände. Seine zähe Germanenkraft war noch lange nicht erschöpft.
Dann trat Sala wieder auf, eine Hand an dem Amulett, welches er selbst beim Ringkampfe nicht vom Halse ließ. Ein Pfiff, und wieder gingen die Ringer hart aufeinander los. Thyssen machte jetzt Ernst. Der Türke, in seiner blinden Wut, stieß heulende, gurgelnde Töne aus; schon wieder war er in Schweiß gebadet, und man meinte das Dampfen seiner Flanken zu sehen und den bitteren Duft seines erhitzten braunen Leibes zu spüren. Da warf ihn Thyssen zu Boden; und ehe der Türke sich von der Matte erheben konnte, war sein Gegner blitzschnell neben ihn getreten, hatte den langen, dampfenden, widerstrebenden Körper um den Gürtel hochgehoben, so daß die Beine über seinem Kopf zappelten, und ließ den gänzlich Wehrlosen kopfunter zu Boden gleiten...
Es war der vollkommene Triumph der intelligenten, gebändigten Technik über die tierische Naturkraft. Und, durch einen Zufall, bot dieser Ausgang des Kampfes genau dasselbe Bild, wie das Plakat, welches noch in den Gedanken aller war. Ein wahnsinniger Beifallstaumel erhob sich; Männer und Jünglinge klatschten hingerissen dröhnend in die Hände, sprangen von den Sitzen auf, stürmten auf die Bühne, falteten die Hände und riefen in exaltierter Verzückung Thyssens Namen... Eine Demimondäne, eine allerliebste Blondine, die keine Blume zu werfen hatte, löste ihr Brillantarmband und schleuderte es nach dem Gefeierten; eine reife, schöne Frau von vielleicht vierzig Jahren sank ohnmächtig in die Arme ihres korrekten Gatten. Es war ein tosender Jubel, wie das Branden und Wogen eines großen Meeres, das zu Füßen des Athleten rauschte und tobte und über alle Ufer strömte. Es fehlte nur der Raum, daß alle die verzückten, außer sich geratenen Menschen vor ihrem Idol auf die Kniee gestürzt wären, um ihm göttliche Ehren zu erweisen.
So also wurden die Starken geehrt...
— Eberhard ging schnell aus dem Theater. Er war doch bewegt von der imponierenden Szene, gewaltig durch die Einmütigkeit der Massen, der er soeben beigewohnt hatte. Als er in den Vorraum trat, wo die kalte Nachtluft ihm entgegenschlug, fiel ihm wieder ein, daß er Fritzi suchen wollte.
Er ging durch das Theaterrestaurant. Fritzi war nicht da. Er bestellte ein Glas Bier, um den Kellner unauffällig fragen zu können. Indessen besann er sich anders und fragte nicht. —
Am Nebentische saß Paul Kiesling und verzehrte ohne Hast sein Abendbrot. Sergej Roditscheffs Suppe stand auch auf dem Tische und wurde kalt. Denn der Russe lehnte an dem Büfette und plauderte mit der schönen Leonie. War es ohnehin ein Wunder, daß Fräulein Krömer sich so lange mit einem Herrn unterhielt, so verlangte der Ringkämpfer erst recht Unmögliches von ihr. Sie sollte von ihrem Thron an dem Büfette hinabsteigen und sich mit Roditscheff und Kiesling an den Tisch setzen. Die schöne Brünette konnte vor Lachen kaum zu Worte kommen. Mein Gott, hatte schon jemals ein Mensch ein solches Ansinnen an sie gestellt? Sie war doch keine Kellnerin? Dieser Athlet war wirklich unglaublich!
„Schade,“ sagte der Russe halb lachend, halb bedauernd. „Ein anderes Mal werden Sie bei uns sitzen, das weiß ich heute schon... Sie sind nur heute so stolz, Fräulein... Wie heißen Sie übrigens, Täubchen!“