„Leonie Krömer,“ sagte die Schwägerin des Direktors.

„Lona also,“ versetzte Roditscheff lächelnd und zeigte seine schönen, breiten Zähne. „Ich sage Lona zu dir... Das erlaubst du doch? — Jetzt merke dir, Lona: ich kann nicht leiden, wenn die Mädel zu stolz sein wollen! — Also vielleicht morgen, Lona!“

Er reichte ihr die Hand, in die sie zögernd einschlug, und ging mit seinem hohen, charakteristischen Gange zu seinem Freunde Kiesling an den Tisch. Fräulein Krömer sah ihm sprachlos nach mit merkwürdig brennenden Augen, Siegerin und doch besiegt...

Ein Schwarm der Gäste drang in das Restaurant. Eberhard ging hinaus. Eine fieberhafte Unruhe um Fritzi hatte ihn ergriffen. Er rief eine Droschke an und fuhr nach Fritzis Wohnung.

In dem Wagen, bei dem gleichgültigen Rollen der Räder, stieg all das Dumpfe, Zweifelvolle in ihm langsam empor, welches er in den letzten Wochen beständig unterdrückt hatte. Es war das: er vertraute ihr nicht mehr. Das ist ein schreckliches Ding, das Mißtrauen. Das bohrt und wühlt — und dann wird es wieder beschwichtigt. Man schließt die Augen, man tröstet sich selbst, man belügt sich selbst. Man glaubt, das schreckliche Ding ist tot und hat nie gelebt und hatte überhaupt kein Recht, zu leben. Und dann ist es mit einem Male wieder da, ganz groß und lebendig und wild, und bohrt und wühlt und wütet weiter...

Und die Liebe? — —

— Fritzi war nicht in ihrer Wohnung. Er hatte es sich gedacht. Und da kam ihm jählings ein süßer, liebreicher Gedanke: sollte Fritzi heimlich, gegen die Verabredung, in seine Wohnung geeilt sein, um ihn traulich zu empfangen? Sein Kopf sagte: nein. Aber die Liebe sprach: das törichte Kind, — möglich wäre es... Die Droschke jagte nach seiner Wohnung. Er schloß leise, leise auf, daß Frau Ambrosius und Therese ihn nicht hörten. Es war alles dunkel und unverändert, wie bei seinem Fortgehen.

In sein Hirn bohrte sich der Gedanke ein: Ich muß sie finden. Durch die nächtlichen Straßen führte der eilende Wagen ihn in das Café Prätorius, wo er wohl hundertmal mit Fritzi gesessen hatte. Lauter fremde Gesichter; die Geliebte war nicht unter ihnen.

Und weiter fuhr er und blickte interesselos aus dem Wagenfenster. Draußen begann in linden Flocken der Schnee zu fallen. Die weichen, feinen Sternchen rieselten hernieder, tanzend, taumelnd, und glitten lautlos auf die Erde hinab. Eberhards Seele aber blieb dem sanften, beruhigenden Schauspiele des friedlichen, schimmernden Flockenfalles verschlossen. Seine Gedanken flogen dem dahineilenden Wagen voraus,... vielleicht, daß er Fritzi doch in dem Theaterrestaurant traf...

Direktor Immermann saß mit einer kleinen Gesellschaft um einen Tisch in der Nähe des Büfetts, wo er den ganzen Raum übersehen konnte. Als er Eberhard bemerkte, sprang er auf und lud ihn fröhlich und jovial an seinen Tisch ein. Eberhard, mit seinem Herzen voll Unruhe und Verzweiflung, konnte nicht anders, als der Einladung nachkommen. Immermann, behende und munter wie immer, zog den jungen Mann am Rockärmel heran und stellte ihn seiner Gesellschaft vor: „Herr Ringkämpfer Roland....“ Und er nannte die Namen der um den Tisch versammelten Personen. Es waren seine Gattin Adelheid, eine üppige, schönfrisierte Dame, ein Variétéagent, Fräulein Coeur de Rose, die Soubrette, ferner Thyssens Manager Herr Markus und Leonie Krömer. Roland mußte zwischen dem Direktor und seiner Frau sitzen. Er sagte der hübschen Dame einige Artigkeiten, über die sie höchst geschmeichelt mit charmantem Lächeln quittierte. Sie interessierte sich lebhaft für den jungen Riesen, von dessen romantischem Berufswechsel ihr Mann ihr erzählt hatte. Immermann selbst strahlte förmlich vor Bonhommie und vor Stolz, den neuen Athleten, der heute abend auf der Bühne eine äußerst stattliche Figur gemacht hatte, entdeckt zu haben. Auch Markus war von seiner Erscheinung eingenommen, obwohl er ihn noch nicht hatte ringen sehen. Auf viele Fragen mußte Eberhard aufmerksam Bescheid tun. Zum Überflusse fing jetzt auch noch Coeur de Rose an, mit ihm zu kokettieren. Da war seine ohnehin aufs höchste gespannte Geduld zu Ende. Er sagte hastig und überstürzt, daß er noch eine Verabredung habe, dankte für die Einladung Immermanns, noch ein Stündchen mit ihnen zu verbringen und stand auf, ohne den schmachtenden Blicken der galanten Soubrette Beachtung zu schenken. Während er mit Hilfe des Kellners in den Mantel fuhr, hörte er, wie Markus zu Immermann bemerkte: „Die Ringer sind einer wie der andere. Nein, es ist nicht leicht, mit ihnen auszukommen.“ Eberhard lachte grimmig; gut, mochte an diesem Abende, wo all sein Glück auf dem Spiele stand, nicht mit ihm auszukommen sein! Er verabschiedete sich vom Direktor und seiner Gattin, grüßte die übrige Gesellschaft durch eine rasche Verbeugung und eilte von dannen.