Wohin aber nun? —

Vor dem Theater war es dunkler geworden. Ein Teil der elektrischen Lampen war ausgelöscht. Der Schnee fiel immer noch, gleichmäßig, sanft und leise, und senkte sich auf die Erde nieder, wie große Flügel weißer Gottesengel. Nur die Seele des Mannes hatte keinen Frieden und war voll Bitterkeit und wilder Gefühle. Ihm war, als gleite er ins Bodenlose. Plötzlich fiel ihm die Verabredung bei Jolly ein. Also gut: gehen wir zu den Athleten! Und schließlich: wäre es denn so ganz unmöglich, daß Fritzi....

Eberhard schlug den Mantelkragen hoch, schob, mit einem Male unternehmend geworden, den Hut ziemlich weit auf den Hinterkopf, so daß ihm die Flocken auf Stirn und Schädel fielen, und schritt, beide Hände in den Taschen, zu Jolly. Er ging über die Spreebrücke und noch durch eine ganze Anzahl Straßen; er hatte die Straße, in der das Lokal sich befand, früher nie betreten. Es war eine alte Straße im Zentrum der Stadt, nicht weit von der Gertraudtenbrücke.

Das Restaurant Jolly sah äußerlich genau so aus, wie die meisten Berliner Wirtshäuser, in denen Kleinbürger und bessere Handwerker verkehren und abends ihre Partie Billard oder ihren Pfennigskat spielen. Das Wort „Sportrestaurant,“ welches sich auf dem Schilde zur Rechten der Tür befand, tat sich nicht besonders hervor. Es hieß Sportrestaurant, weil der Inhaber, ein ehemaliger Amateurathlet von gutem Rufe, es verstanden hatte, eine ganze Anzahl jüngerer Sportkollegen als Stammgäste seiner Wirtschaft heranzuziehen. Er hatte sie dann in einer Art Klub vereinigt und ihnen aus einem alten Lagerraum ein kleines, primitives Trainierlokal hergerichtet.

Heute, da die große Konkurrenz im Odeon eröffnet worden war und zwei Dutzend berühmter internationaler Champions der Kraft ihren Einzug in Berlin gehalten hatten, hatte das Restaurant Emil Jollys seinen großen Tag. Die Mitglieder des Amateurklubs Herkules, die sonst in diesen Räumen das Wort führten, sahen sich heute auf die Rolle der stummen, bewundernden, fast nur geduldeten Zuschauer angewiesen. Zu dieser späten Stunde — es war ein Uhr des Nachts — waren sie überhaupt schon fast sämtlich verschwunden; nur wenige der jugendlichen Herkulesse saßen und standen hier und dort schweigsam herum.

Eberhard schloß langsam die Türe und blickte sich um, indem er den Hut auf dem Kopfe behielt. Zur Linken des Einganges befand sich das Büfett, das von blankem Zinn und Messing glänzte. Aus kleinen, messingenen Brunnen sprudelte durch einen Hebeldruck das Bier. Auf hölzernen Zapfen standen viele Gläser, wie man sie für verschiedene Getränke braucht; ein hoher Likörschrank mit vier langen Reihen bunter, geschliffener Flaschen war in die Wand eingelassen. Dieses lustige Flaschenbataillon und die blanken, gelben Bierbrünnchen wurden von der Hausfrau selbst verwaltet. Frau Jolly, ein kräftiges, appetitliches junges Weib mit vollem, hochgeschnürtem Busen war sehr adrett und stattlich anzusehen im schwarzen, prallen Damastkleide mit der weißen Halsrüsche und dem weißen Tändelschürzchen, das chic und hausfraulich den runden Leib bedeckte. Und heute abend wurde ihrem frischen, rotbäckigen Charme die denkbar höchste Anerkennung zuteil, denn Hermann Thyssen, der Weltmeister, stand schön und würdevoll vor dem Büfette und beliebte mit der Hausfrau zu scherzen. Er, um dessen Huld sich die schönsten und elegantesten Frauen aller Länder bewarben, dem Prinzessinnen von Geburt und amerikanische Dollarladies zu Füßen lagen und an dessen breiter Brust, wie alle Welt wußte, eine leibhafte junge, anmutige, lebenslustige Königin geruht hatte!

Hermann Thyssen wendete sich nach dem eintretenden Eberhard um, noch mit dem heiteren Licht in seinen sonst so hochmütigen Augen, den reizenden, klassischen Mund vom liebenswürdigsten Lächeln verschönt. Eberhard begriff plötzlich die wilden Leidenschaften, die der schöne Champion diesseits und jenseits des Ozeans entfesselt hatte, und die Geste, mit der er den Hut zog, war mehr als ein einfacher Gruß. „Ah, Roland!“ sagte Thyssen kollegial, „Sie finden die andern im Klavierzimmer!“

Das Klavierzimmer war sehr klein für die Menge von Menschen, die darin Platz gefunden hatten. Man hatte mehrere der weißgescheuerten Tische zusammengerückt und sich rundum gesetzt. Hermann Thyssens Platz war leer. Am Tische saßen Mansur mit seiner Frau, der molligen Wienerin, Bernhard Meinken, Emil Jolly, Jan van Muyden, Giacomo Petrocchi und Vittorio Cardo, Aloys Binder mit seiner Freundin Celeste, der dickköpfige Pierre le Forgeron mit einem hübschen, jungen Dinge, welches er vorhin im Hausflur entdeckt und gleich mit hineingenommen hatte, Paul Kiesling, Sergej Roditscheff, August Bluhm und Zirkovitsch. An einem Extratisch beim Fenster saßen zwei schweigsame Zecher, die sich von den andern abgesondert hatten, Sala ben Brahim und der Stier von Granada. Der Türke, in einem phantastischen Gewande, in grobem Hemd, besticktem Jäckchen, Pluderhosen und breitem Gürtel, in dem ein Dolch steckte, den Fez auf dem schwarzen, spärlichen Haar, soff trotz dem Koran und starrte gleichgültig in sein Glas. Manuel Gomez saß faul hintenübergelehnt, in einer unglaublich nachlässigen Stellung, die großen Füße weit von sich gestreckt. Er war zum ersten Male in Berlin, hatte aber als findiger Zecher, der sich an allen berauschenden Getränken, die auf Erden erzeugt werden, schon betrunken hatte, sofort den Landwehrtopf entdeckt und handhabte ihn geschickt, wie ein geborener Berliner. Sein häßliches, olivenfarbiges Gesicht mit der breiten Nase und den finster beschatteten Augen drückte die äußerste Indolenz aus. Er verriet durch kein Zeichen Teilnahme an dem, was um ihn vorging, und bewegte sich nur, um mit seiner enormen Tatze den Landwehrtopf zum Munde zu führen oder um von Zeit zu Zeit eine neue Zigarette zu entzünden.