Am Tische war man guter Dinge. Frau Anna, die Gattin des schwarzen Mansur, war in der besten Laune und sprudelte in ihrer allerliebsten Mundart die drolligsten Einfälle heraus. Die kleine, runde Frau hatte einen losen, kecken Mund und ein vorzügliches Gedächtnis und hatte sich, wie es schien, alle Schnurren und Anekdoten gemerkt, die sie jemals hatte erzählen hören. Die erzählte sie nun, eine nach der andern, in unerschöpflicher Folge. Ihr Mann verstand nicht viel davon; er sprach fast nur Englisch und begnügte sich damit, verklärten Gesichtes dazusitzen. Sobald er aber den Mund auftat, schlug sie ihm mit der kleinen, fetten Hand auf die wulstigen Negerlippen und forderte:

„Still bist, Mansurl! Nöt an anzig’smal läßt dein rechtmäßig’s Weiberl zu an Wort kommen! — Da fallt mir noch a G’schichten ein — — —“

Das junge Ding an Pierre le Forgerons Seite, eine kleine Näherin, war fast außer Atem vor Lachen. Sie kümmerte sich gar nicht um den „Champion von Paris,“ der sie hereingeführt hatte und nicht mit ihr sprach, weil er kein Deutsch konnte; sie hörte nur der lustigen Wienerin zu. Jan van Muyden, der Frau Annas Anekdoten längst kannte, begann unterdessen ein verliebtes Spiel mit der niedlichen Schneiderin. Er saß ihr gerade gegenüber, trat ihr unter dem Tisch auf die Füße und versuchte, seine Kniee ihren schmächtigen Mädchenknieen zu nähern. Aber er hatte keinen Erfolg. Endlich fühlte sie das Knie des Holländers und blickte überrascht zu ihm hinüber. Jan van Muyden hatte die Zigarre aus dem Munde genommen und gähnte eben in ungenierter Weise. „Ach!“ rief das kleine Fräulein ihn an, „ach Sie!! — Sie sollten schlafen gehen, wenn Sie so müde sind!“ Van Muyden fuhr polternd auf: „Halte dein Maul, du freches Ding! Was denkst du denn, wen du vor dir hast?“ „Die Fräul’n denkt, s’ ist besser dran mit aan’, der wo scho’ müd’ ist!“ rief die zungenfertige Anna spitzig. „Fräul’n, der Forgeron geht auch bald z’Haus!“ — Pierre le Forgeron hatte nichts verstanden; er hatte nur begriffen, daß seine Dame beleidigt war. Sein Kopf wurde dunkelrot bis unter die pomadeglänzenden Locken, er sprang mit solcher Vehemenz auf, daß mehrere Biergläser ihren Inhalt über den Tisch und die Umsitzenden ergossen und wollte dem Holländer durchaus zu Leibe gehen. Paul Kiesling gab sich Mühe, zu vermitteln. Er wollte keinen Streit. Sein schmales, hartes Gesicht sah indigniert aus; er war gekommen, um Karten zu spielen und mußte nun ohnehin die allgemeine Unterhaltung über sich ergehen lassen. Er riß den wütenden Franzosen mit einer Hand, die tödlich erschrockene Näherin mit der andern Hand vom Tische weg, zur Türe hinaus in das Billardzimmer hinein. Jan van Muyden wollte nach. Da schlug der friedliebende Westfale kurz entschlossen die Verbindungstüre zu, gab dem jungen Mädchen ihren Schal, dem Franzosen Mütze und Paletot in die Hand und drängte alle beide ruhig und energisch zum Restaurant hinaus, indem er abwechselnd auf beide einredete:

„Tu t’en vas, Pierre, avec ta petite dame, c’est entendu! — Allons marsch, du dummes Ding, nimm ihn mit oder macht, was ihr wollt, aber schert euch fort! — —“ Wenige Sekunden später war der Champion von Paris, die „rote Nelke,“ samt seiner Schönen ins Freie befördert. Paul Kiesling wendete sich um; seine schmalen Lippen umspielte ein flüchtiges Lächeln.

„Was war denn das, Paul?“ fragte Thyssen, der immer noch bei der hübschen Frau Jolly an dem Schenktische stand.

„Nichts,“ versetzte der Westfale ruhig, „du weißt, ich kann Radau absolut nicht leiden... Ein Spielchen wäre mir lieber...“

„O Gott!“ schrie die Wirtin unter Lachen, „Sie sind mir einer.... Wie Sie das Mädchen am Arm hatten, grade wie eine junge Katze...“

„Genau so,“ sagte Kiesling ernsthaft. „Die Mädchen müssen ihren Herrn spüren, dann sind sie leichter zu behandeln, wie junge Katzen.“

Er blieb noch einige Minuten am Büfett stehen und trank einen Schnaps, den er sich aus Wermut und Sherrybrandy selber mischte. Dann ging er in das Klavierzimmer zurück.

Jan van Muyden hatte schon zu viel getrunken. Er kokettierte jetzt mit der Geliebten Aloys Binders, Madame Celeste. Er hatte den leergewordenen Platz des Franzosen eingenommen und redete leise auf die schlanke, schöne Frau ein. Celeste saß in ihrer weißseidenen Theaterrobe stumm da, hatte die wunderschönen, feinen Hände im Schoße gefaltet und blickte mit weitoffenen, sehnsüchtigen Kinderaugen vor sich hin. Sie hatte noch kein Wort gesprochen und lehnte Jan van Muydens Reden nur mit traurigem, stillem Kopfschütteln ab. Zum Glück hatte Binder, der mit Eberhard in ein eifriges Gespräch gekommen war, noch nichts bemerkt, denn wenn seine Eifersucht einmal erregt gewesen wäre, hätte niemand mehr eine furchtbare Szene aufhalten können. Paul Kiesling übersah mit einem Blick die Situation. Er legte dem Münchener die Hand auf die Schulter und sagte: