„Es ist nicht richtig, Aloys, daß Madame sich den ganzen Abend langweilen muß... Sieh her, sie schläft fast ein... Du, Jan, ich mache dir einen Vorschlag: mache mit mir und dem Sergej ein Spielchen! Wir haben noch genug Zeit....“
Das war dem Holländer recht. Auch Roditscheff stand auf, und die drei Athleten gingen ins Büfettzimmer, wo sie nahe dem Ofen sich um den runden Tisch setzten. Roditscheff zog ein neues Spiel aus der Tasche und begann die Karten zu mischen. Inzwischen öffneten Kiesling und van Muyden ihre Geldbörsen und legten jeder ein Häufchen Gold- und Silbermünzen vor sich auf den Tisch. Der harte Zug um Kieslings Mund vertiefte sich, seine stahlfarbigen Augen blitzten. Liebe und Karten gingen ihm über alles in der Welt; aber noch lieber als die reizendsten Frauen waren ihm diese bunten Blättchen....
An den Tisch war der Friede zurückgekehrt. Man unterhielt sich freundschaftlich in fünf verschiedenen Sprachen, trank helles Bier aus geeichten Gläsern, und einige rauchten. Hermann Thyssen stand immer noch bei der appetitlichen Wirtin am Schenktische und zählte die Knöpfe an Frau Jollys schwarzseidener Taille, indem er mit dem Finger auf die Knöpfe tupfte, die in enger Reihe vom Halse über die volle Brust gingen. Plötzlich hielt draußen mit großem Lärm ein Automobil, und dann hörte man den Tritt von flinken Frauenfüßen und ausgelassenes Mädchenlachen; die Türe wurde aufgerissen, und herein wirbelten und flogen fünf lachende Geschöpfe in eleganten Toiletten und prächtigen Hüten, die den frischen Hauch der nächtlichen Schneeluft und teure, starkduftende Parfüms in ihren Röcken mitbrachten. Hinter ihnen erschien Willi Lehmann, der heute abend seinem Prinzip, sich in Zukunft nur noch von anständigen Damen verehren zu lassen, untreu geworden war. Die gelbseidne Adele, seine Freundin aus früherer Zeit, stieß einen lauten Freudenschrei aus, als sie die vielen Athleten im Nebenzimmer erblickte, warf Hut und Pelzcape in eine Ecke, raffte ihre Röcke mit einem sichern Griffe bis über die Kniee hoch und sprang Eberhard Freidank ohne weiteres auf den Schoß.
„Heißt du nicht Roland?“ rief sie unter Küssen, „ja, siehst du, Dicker, ich habe mir sogar deinen Namen gemerkt!“
Nun kamen die andern Mädchen auch herbei. Es war ein allgemeiner großer Aufstand, mit dem jeder einverstanden war. Im Klavierzimmer stand ein altväterisches Ledersofa, mit altmodischen, weißen Porzellanknöpfen genagelt. Auf dieses Möbel ließen sich zwei der lustigen Frauenzimmer kreischend niederfallen, die Tische wurden herangerückt, die Athleten mit den beiden Damen rückten nach; ein Mädchen setzte sich neben Petrocchi, die kleine Blondine, die das Brillantarmband nach Thyssen geworfen hatte, nahm zwischen dem „Apollo von Berlin“, den sie früher als Modell gekannt hatte, und Mikita Zirkovitsch Platz, und die gelbseidne Adele blieb auf Freidanks Schoße sitzen. Die Mädchen schrien und lachten durcheinander und ließen einander nicht zu Worte kommen; Willi Lehmann erzählte gleichfalls schreiend von seinem Rendezvous, welches nur sehr kurze Zeit gedauert hatte, denn seine Dame, eine Rechtsanwaltsfrau, hatte ihn nur auf morgen in ihre Wohnung bestellen wollen; glücklicherweise kam gerade, als er der Dame die Hand zum Abschied reichte, die gelbe Adele mit ihren Freundinnen daher, die Mädchen umringten den alten Bekannten mit lärmendem Entzücken, Adele hängte sich in seinen rechten Arm ein, ihre Busenfreundin Magdalene Leblanc in den linken, und so waren seine Grundsätze kraftlos geworden... Alle fünf Mädchen hatten heute abend ihre Verehrer und ihr Gewerbe im Stich gelassen um des ordinären, häßlichen Athleten willen; die tolle Schar war mit ihm durch eine ganze Anzahl von Halbweltlokalen gestürmt, um den plumpen Menschen mit der Mongolenfarbe und den struppigen, schwarzen Borstenhaaren im Triumphe zu zeigen. Endlich war es Adele plötzlich in den Sinn gekommen, zu Jolly zu gehen; sofort waren alle sechs in ein Automobil gesprungen, und da waren sie...
Hermann Thyssen bequemte sich jetzt auch, seinen Platz am Tische wieder aufzusuchen. Er hatte die kokette Sprödigkeit der Wirtin lange genug genossen, und der schwüle Chypreduft der Demimondänen stieg ihm freundlich und verheißungsvoll in die Nase. Langsam, mit stolzem, liebenswürdigem Lächeln, den Hohenzollernschnurrbart steil aufgerichtet, kam er näher. Magdalene Leblanc, die auf dem Kanapee saß, flog auf, wie der Pfeil vom Bogen, und zog den Weltmeister mit verliebter Gewalt zu sich heran. Er mußte zwischen ihr und der roten Alli sitzen. Er sah sich nun seine beiden Nachbarinnen an. Magdalene war eine blasse Brünette mit lilienschlankem Körper und einem perversen lüsternen Gesicht, aus dem die dunkeln, schwarzumränderten Augen wie meerestiefe Fragen blickten. Der schlanke, lasterhafte Leib trug mit aparter Grazie ein feuerrotes Prinzeßkleid, das bis unter die Hüften eng wie eine Schlangenhaut anlag und erst bei den Knieen in weichen Falten auseinanderfloß. Die rote Alli war ein bequemes, üppiges Frauenzimmer mit phlegmatischen Gesten und gutbürgerlichen Manieren, deren Spezialität darin bestand, ganz unsäglich gemeine Geschichten zu erzählen, über die selbst Lebemänner erröten konnten. Alli besann sich nicht lange und begann sofort voll Behaglichkeit ihre gepfefferten Gemeinheiten vorzutragen. Hermann Thyssen saß zurückgelehnt, von den schlanken Armen der lasterhaften Magdalene zärtlich umrankt, und war fast außer sich vor Vergnügen. Im Leben hatte er noch nicht so gemeine Redensarten aus dem Munde eines weiblichen Wesens, selbst wenn es eine Dirne war, vernommen. Und diese hier erzählte ihre schamlosen Eindeutigkeiten mit freundlicher Seelenruhe, als ob sie aus der Zeitung vorläse....
„Jolly!“ rief Hermann Thyssen schallend durch das Zimmer, „Jolly, was hast du für Wein? — Ihr seid alle meine Gäste — —!“
Der Wein wurde gebracht; wie Hochwasser stieg die Fröhlichkeit und schwoll zu immer lauterem Jubel an. Einmal ärgerte sich Roditscheff, der noch mit Kiesling und van Muyden am Spieltisch war, daß er nichts von der Gesellschaft der Weiber haben sollte, und während Paul die Karten mischte, ging er an den Tisch hinüber und bändelte mit der roten Alli an:
„Na, Pummel, wie ist’s? Kommst du mit mir?“
Das Mädchen fühlte sich beleidigt; sie hielt die Anrede des Ringkämpfers für eine Anspielung auf ihre phlegmatische Wohlbeleibtheit, und gerade die haßte sie; denn sie wollte durchaus als schlank gelten. Sie erwiderte giftig: