„Ich denke nicht daran! — dein Genre liegt mir nicht! Ich bleibe bei Thyssen... Wenn du mit Thyssen zum Ringen kommst, fliegst du doch auf den Hintern!“ —
„Du bist gut unterrichtet, mir scheint! —“ rief Kiesling, der die Karten ausgegeben hatte, hinüber. „Komm her, Sergej, und laß die freche, rote Wanze sitzen!“
Sergej ging zum Spiele zurück. —
Längst hatte Emil Jolly die Außentür des Lokals geschlossen.
Die gelbseidene Adele saß frech und verführerisch auf Eberhard Freidanks Knieen und trank mit ihm aus einem Glase. Die gesuchte Demimondäne trug eine tiefausgeschnittene Robe von schwarzen Spitzen über gelbem Atlas. Ihr heißer Körper lehnte sich an seine Schultern, und mit jedem Atemzuge trank er den üppigen Duft des eleganten Frauenzimmers, fortwährend sah er den weißen, gepuderten Hals dicht vor sich. „Dir scheint ja furchtbar warm zu sein, Roland!“ sagte Adele, „macht das meine Nähe? — Warte, ich knöpfe dir den Kragen ab!“ Mit großer Geschwindigkeit befreite sie ihn von der Krawatte und dem Halskragen, legte ihren Arm um seinen nackten Hals, suchte mit der Hand seine breiten Schultern...
Frau Anna, die energische Wienerin, stand auf und nahm ihren Mann mit, der sehr ungern ging. Da herrschte Aloys Binder seine Freundin an: „Du ziehst dich an, Celeste, und gehst mit Frau Helu nach Hause! — Mußt ohnedies bei unserer Wohnung vorbei! Schnell, marsch, nach Hause mit Dir!“ Celeste gehorchte ohne Widerrede, und alle drei entfernten sich...
Die rote Alli hatte Appetit bekommen; Emil Jolly mußte herbeischaffen, was das Lokal um diese Stunde bot. Unter Freudengeschrei verzehrte die ganze Gesellschaft eine Dose Rollmöpse, kalte Schweinskoteletts, einige Endchen Wurst, eine Büchse Sardinen und eingemachte Pfeffergurken. Alle speisten ohne Messer und Gabeln, ohne Teller und Tischtuch von dem rohen, reichlich mit Bier und Wein begossenen Tische.
Die Gegenwart der wohlgepflegten, eleganten Dirnen entflammte in allen diesen berauschten, starken Männern die wildesten Triebe. Ihre Wünsche wurden immer rückhaltloser, ihre Zärtlichkeiten immer verwegener. Aber die Frauenzimmer hatten sich mit dem eigensinnigen Wohlgefallen der Freudenmädchen, die einmal selbst wählen konnten, bestimmte Ringkämpfer herausgesucht. Die Polenkascha, eine starke, sinnliche Slavin, küßte fortwährend den dicken Giacomo Petrocchi ab, ohne für einen andern ein Auge zu haben; die kleine, blonde Brillantenfrieda hatte ihr Herz für diese Nacht an August Bluhm, den Apollo von Berlin, verloren, und Hermann Thyssen hatte sich längst mit Magdalene und Alli verständigt; er wollte die originelle Lasterhaftigkeit von allen beiden genießen... Und die gelbseidene Adele, die Willi Lehmann endgültig untreu geworden war, herzte Eberhard ohne Pause. Sie sprang hinter seinen Stuhl und legte ihm ihre vollen, weichen Arme um den Hals, hüpfte wieder auf seinen Schoß und ließ sich von ihm füttern. Sie neigte ihren Mund zu seinem Ohre und flüsterte verlockende Worte hinein... „Ja — —,“ flüsterte Eberhard mit heiserer, erstickter Stimme zurück. Er ging in den Korridor hinaus, um seinen Mantel zu holen; als er zurückkehrte, stand Adele schon in Hut und Pelzcape da. Jetzt erst bemerkten die anderen ihren Aufbruch; man wollte sie zurückhalten, man rief ihnen rohe Zweideutigkeiten zu, aber nicht einmal die neuerwachte Passion Willi Lehmanns, ihres ehemaligen Zuhälters, der an seine alten Rechte erinnern wollte, vermochte sie zu halten. Eberhard Freidank rief mit starker Stimme: „Gute Nacht!“ und ging schnell davon; ihm nach, mit pikant hochgehobenen Röcken, unter denen die duftenden Jupons knisternd rauschten, flog die gelbseidene Adele. — —