VII.
Es war anderthalb Wochen später, des Vormittags um elf. Fritzi war gerade aufgewacht. Sie lag auf der Seite, mit dem Kopf auf ihrem rechten Arm, und betrachtete blinzelnd die Tapete an der Wand. Sie überlegte, ob sie endgültig aufwachen oder versuchen sollte, noch einmal einzuschlafen. Da ging die Türe auf und wurde wieder geschlossen. Die Chansonette sah sich gar nicht erst um, denn das Klirren der Kaffeetasse auf einem Tablett verriet ihr, daß die Wirtin ins Zimmer getreten war. Und Fritzi war so faul!
„Fräulein!“ sagte die Witwe strengen Tones, „Fräulein, sind Sie schon munter?“
Das junge Mädchen zog vor, abzuwarten, ob sie für die Hausfrau schon aufgewacht sein sollte oder nicht und blieb unbeweglich liegen. Die Wirtin wartete den Erfolg ihrer Anrede ab und begann wieder:
„Ich meine Ihnen, Fräulein! Geben Sie doch Antwort, wenn man mit Sie redet! — Ich wollte Ihnen nur sagen: ich dulde es nicht länger, und es ist mir mit Sie schon längst zu dumm geworden! Nein, es paßt mir nicht mehr!“
Die Frau hätte noch lange weiterreden können, aber jetzt konnte die Chansonette zu ihrem Leidwesen das Lachen nicht mehr verhalten. Langsam und behaglich schob sie sich im Bette herum, dehnte sich und fragte, während sie sich mit beiden Fäustchen den Schlaf aus den Augen rieb, vergnügt:
„Was denn, Frau Krichelmann?“
„Was?“ versetzte entrüstet die Hausfrau, „das fragen Sie noch? Na, wenn Sie es durchaus hören wollen: Ihr Lebenswandel ist mir zu bunt! — Als der Herr Freidank die Stube für Ihn’ mietete, sagte er: „Meine Braut ist ein sehr anständiges junges Mädchen.“ Gut, sagte ich, soll mir lieb sein. Wenn ’n junges Mädchen ihren Bräutigam hat, dagegen ist nichts einzuwenden. Ich sage nichts gegen den Herrn Freidank, o nein! Der ist sehr anständig! Er hat mir Ihre Miete immer pünktlich bezahlt! — Aber mit Ihnen, Fräulein... Finden Sie das anständig, so oft Besuch zu kriegen und mitzubringen? — Und was bringen Sie sich alles mit! Ich habe gestern abend aufgepaßt... Einen Menschen, wie ’n Steinträger, anders nicht... Das müßte Ihr Bräut’jam wissen! — Ich sage Ihnen, es ist mir zu dumm, Fräulein. Ich will mein Haus rein halten! — Ich sage es Herrn Freidank, und Sie müssen ziehen! Für dreißig Mark werde ich meine Stube jeden Tag mit Kußhand los!“ —
Fritzi hatte den Redestrom nicht unterbrochen. Jetzt hörte sie endlich auf, in ihren Augen zu reiben, schüttelte die Locken, die sich wie lustige schwarze Schlangen um ihre Stirn ringelten, zurück und sagte mit strahlendem Lächeln nichts als:
„Ach nee?!“