Der Rat der alten Kupplerin ging Fritzi nicht aus dem Kopfe. Der Wunsch, die Budenringer zu sehen, brannte sich förmlich in ihre Sinne ein, während sie gemächlich Toilette machte. Der allabendliche Anblick der vierundzwanzig trefflichen Athleten genügte ihr nicht; sie wollte die unberühmten, ordinären Ringer, an denen sich das gewöhnliche Volk ergötzt, in ihrer Umgebung sehen. Diesen fühlte sie sich näher... Die großen Champions mit dem abweisenden Auftreten und den fürstlichen Einnahmen waren ihr fremd und unsympathisch. — Sie beschloß, zeitig zu speisen und Eberhard im Vorübergehen einen kurzen Besuch zu machen, um ihn ganz in Sicherheit zu wiegen. Dann wollte sie auf den Rummel gehen, von dem sie sich großes Vergnügen versprach. —

Eberhard Freidank hatte am Sonnabend die Kneipe wieder einmal aufgesucht, die er lange vernachlässigt hatte. Er gehörte einem literarischen Verein von Hochschülern an, dessen Mitglieder den schönen Künsten Interesse entgegenbrachten, ohne darum auf das ritterliche Dekorum der strengsten Vorschriften studentischer Ehre zu verzichten. Die Freunde hatten ihm über sein seltenes Erscheinen Vorwürfe gemacht und damit wieder den Zwiespalt in seiner Seele vermehrt. Er war sehr lustig gewesen, hatte viel getrunken und war erst als einer der letzten nach Hause gegangen. Als er in seinem Zimmer war, hatte er keine Lust, zu Bette zu gehen. Er wusch sich sehr ausgiebig, um sich nach der durchkneipten Nacht gründlich zu erfrischen, zog Trikot, eine Hausjoppe und Pantoffeln an und erwartete den Morgen, während er auf dem kleinen Kanapee saß und die Zeitung las, die schon so früh ins Haus gebracht worden war. — Der sportliche Tagesbericht lobte ihn über alle Maßen, obwohl er am Sonnabend im Kampfe gegen Aloys Binder unterlegen war. Der Artikel rühmte die sympathische, kühne, germanische Draufgängerart, mit der er auf den berühmten und technisch immerhin weit überlegenen Münchner losgegangen war. Eberhard freute sich der Anerkennung nicht recht. Er fühlte den Riß in seiner Seele brennen, wie eine offene Wunde. —

Dann wurde es Morgen. Eberhard stand gähnend vom Sofa auf, ließ die frostige Morgenluft zum Fenster herein und spazierte pfeifend langsam im Zimmer herum, bis Frau Ambrosius ihm den dampfenden Kaffee brachte. Die Hausfrau schalt ihn gutmütig aus, daß sein Bett unberührt stand. Dann blieb sie noch ein wenig bei ihm stehen, unterhielt sich mit ihm und sah zu, wie dem jungen Manne, den sie fast mütterlich in ihr Herz geschlossen hatte, der Kaffee, die Butterbrötchen und die frischen Eier schmeckten. Eberhard erzählte lachend von den Brüdern Petrocchi-Cardo. Kürzlich war er zu ihnen gekommen und hatte sie beim ersten Frühstück gefunden. Zu dieser Mahlzeit hatten sie eine ganze Mandel Eier, fünfzehn Stück! über einem Spirituskocher selbst gekocht und sich, der eine sieben, der andere acht Eier in ein großes Bierseidel eingeschlagen! Er mußte noch in der Erinnerung an den Anblick dieses ungeheuren Appetits lachen.

„Die Zeitung!“ rief Therese, die eben die Post abgenommen hatte, auf dem Korridor. „Komm ruhig herein,“ sagte Frau Ambrosius. Therese kam und brachte die Athleten-Fachzeitung für Eberhard. Sie war schon in Toilette. Sie sah sehr groß und vornehm aus in dem knappen, blauen Kleide, und er hatte wieder die Empfindung: eine Diana in modernem Gewande.

„Wie groß sind Sie eigentlich, Fräulein Ambrosius?“ fragte er unvermittelt.

Therese sagte lachend: „Ach, viel zu groß für eine Frau. Ein Meter siebzig! — Kein Vergleich mit Ihnen, aber doch zu groß...“

„Auf der Bühne müßten Sie schön aussehen,“ sagte Eberhard.

„Nun hören Sie auf, sonst werde ich böse!“ rief das Fräulein. „Ich habe aber keine Zeit, ärgerlich zu werden!“

„Müssen Sie wieder zum Dienst, Fräulein?“