„Geschah unter ganz anderen Voraussetzungen, Eberhard! Damals hatten die Völker ein Interesse daran, daß jeder Mann im Einzelkampfe die möglichst höchste Leistungsfähigkeit besaß. Darum pflegten die Griechen den Sport! Es kam ihnen auf Erzielung der größten Kraft, des größten persönlichen Mutes an.“
„Tout comme chez nous!“ sagte Eberhard lächelnd.
„Nein, bei uns ist es leider anders,“ antwortete der Student Tönnies. „Bei uns kommt es allein auf Rekordleistungen an, mag die eigentliche Kraft dabei zum Teufel gehen oder nicht! Ich mag gar nicht daran denken, Freidank. Ich bezweifle, daß so ein Rekordathlet, oder Rennfahrer, oder was sonst für ein Sportsmann, zu einer wirklichen, ausdauernden Arbeit fähig ist. Dazu reicht die gefeierte Kraft nicht aus!“
Er rollte zornig die runden, grauen Augen. Eberhard hatte immerfort Einwendungen machen wollen, hatte seinen Freund unterbrechen wollen; aber er brachte die Lippen nicht auseinander in der starrköpfigen Verschlossenheit des Norddeutschen, die nicht aus Furcht, sondern einfach aus Trotz manche Dinge für sich behalten muß. Als aber Tönnies noch einmal anfangen wollte, sagte er mit zerstreutem Lächeln:
„Was geht das nun dich und mich an, Tönnies? Wir sind ganz einer Meinung... Und du bist wahrhaftig auf dem besten Wege, dich über des Kaisers Bart aufzuregen!“
„Hast recht, Eberhard,“ sagte der junge Mann vergnügt, „sprechen wir von vernünftigeren Dingen... Ich kam heut eigentlich zu dir wegen... ich wollte... Nun, frei heraus! Ich habe deine filia hospitalis kennen gelernt! Auf einem Vereinsballe! Sie ist ein schönes Mädchen, Freidank, das schönste Mädchen, welches ich kenne!“
„Und dir das liebste Mädchen!“ vollendete Eberhard und fühlte, er wußte selbst nicht warum, einen Stich im Herzen.
„So schnell geht es nicht!“ rief Adolf Tönnies. „Aber denke dir, es hat sich herausgestellt, daß wir ein wenig verwandt sind... Sie ist so etwas, wie eine Cousine zweiten Grades... Soll ich, unter solchen Umständen, die Bekanntschaft wieder in Vergessenheit geraten lassen, Freidank? Ein Narr, der ich wäre!“
„Ich rate dir, den Damen jetzt deine Aufwartung zu machen,“ sagte Eberhard mißvergnügt. Er hätte am liebsten etwas ganz anderes gesagt, aber Therese ging ihn doch wirklich, wirklich nichts an...! Zumal, da sie seine Fritzi nicht leiden konnte. Sie hatte sich neulich gegen seine Freundin ausgesprochen. Nicht mit direkten Worten, o nein! Dazu war dieses „törichte Ding“ doch zu klug. Die Mißachtung hatte mehr im Ton der Stimme gelegen, in ganz flüchtigen Andeutungen, in einem und dem andern Wort, gleich als ob sie etwas Ungünstiges von Fritzi wußte und so verschwieg. Er hatte nicht gefragt, dazu war er zu stolz. Aber er hatte aus dieser Unterhaltung ein peinliches Gefühl davongetragen. Denn — eigentlich — war diese Therese Ambrosius... doch kein törichtes Ding, und ganz bestimmt nicht das Mädchen, welches ins Blaue hineinschwatzte ...
Als hätte Tönnies nur auf Eberhards Anregung gewartet, lief er davon und machte Mama Ambrosius und ihrer Tochter eine Visite. Eberhard kleidete sich, als sein Freund das Zimmer verlassen hatte, schnell an. Er war eben damit fertig, als er draußen in der hastigen Art schellen hörte, wie Fritzi bei ihren seltenen Besuchen anzuläuten pflegte. Er ging schnell hinaus, es war die Kleine; gerade trat auch Therese Ambrosius, die ebenfalls das Läuten vernommen hatte, aus ihrem Wohnzimmer und wollte öffnen. Doch als sie Fritzi bemerkte, zog sie sich sofort wieder zurück, mit beleidigender Eile, wie es Freidank schien...