Nach Tisch begleiteten die jungen Männer Fritzi bis an Fräulein Lianes Wohnung. Unterwegs mußte Fritzi noch mit ihnen einkaufen gehen. Die Freunde hatten Frau Ambrosius um Erlaubnis gebeten, den Kuchen zum Kaffee mitbringen zu dürfen. — Eberhard raunte seiner Freundin noch ein „auf Wiedersehen im Theater“ zu.
Fritzi sprang die Treppen hinauf, um Freidank zu täuschen, blieb mit pochendem Herzen auf dem Flure stehen und stieg nach etlichen Minuten leise, wie eine Katze, wieder hinunter. Dann wagte sie es, vor die Haustüre zu treten. Die Freunde waren schon um die nächste Ecke verschwunden. Sie atmete auf, ging schnell in der entgegengesetzten Richtung davon und stieg in eine Straßenbahn.
Jetzt, kurz vor dem Tage der winterlichen Sonnenwende, brach schon um die vierte Stunde die frühe Dämmerung herein. Fritzi sah aus dem Fenster und erblickte durch die angelaufenen Scheiben in der Ferne einen Stern, der aus bunten Lampen gebildet war. Sie zog die Uhr; sie war bereits eine halbe Stunde gefahren. Kein Zweifel, das war ihr Ziel, der „Volksvergnügungspark Nordstern“.
Der Eingang dieses Jahrmarktsplatzes war durch ein weitoffenes, rohes Lattentor gebildet, durch welches eine große Menschenmenge hineinströmte: Soldaten, Arbeiter mit Frau und Kindern, sogar mit Säuglingen und Kleinen, die im Wagen gefahren wurden, junge Burschen und Mädchen. Die Chansonette blickte sich entzückt um. Sie vergaß ganz, daß sie in ihrer flotten Toilette, dem eleganten, pelzbesetzten Kostüm, unter den einfachen Leuten Aufsehen erregen mußte. Ach, hier mit einem Begleiter die Jahrmarktsherrlichkeiten genießen dürfen, wie schön mußte das sein! Fritzi dachte nicht mehr daran, daß sie äußerlich eine Dame geworden war; sie fühlte sich wieder ganz als das einfache Mädchen aus dem Volke, welches an Lärm, primitiven Schaustellungen und großen Menschenansammlungen seine Freude hat. Am Eingang des Platzes war eine ganze Wagenburg der grünen Wohnwagen aufgestellt. Inmitten des Platzes wogte und drängte sich das Volk; ringsum waren die Buden und die Stätten des Vergnügens. Jede einzelne Schaustellung war von entsetzlichem Lärm begleitet; alle Gassenhauer, Trompeten, Karussellmusik, Klappern und Pfeifen schollen wüst durcheinander. Fritzi blieb mit freudeglänzenden Augen vor dem elektrischen Karussell stehen und sah dem Kreistanz der bunten, hölzernen Tiere, auf denen junge Mädchen und Burschen saßen, zu. „Ist das nicht ’n Roland seine Braut?“ hörte sie plötzlich Roditscheff in seinem harten Russendeutsch fragen, „Servus, Pummel!“ „Sind Sie allein, Fräulein?“ erkundigte sich sein vorsichtiger Begleiter. „Ja? Ist das eine Freud’! Wir sind auf gut Glück hergekommen und finden gleich ein nettes Mad’l mit Lokalkenntnis ... Sie kennen doch den Dult dahier?“
Sie hatte in der Tat durch Zufall Roditscheff und Aloys Binder getroffen. Die Ringkämpfer nahmen sie sofort in die Mitte. Sie sagte, es wäre kein Dult, sondern ein Rummel, und sie möchte würfeln gehen. Arm in Arm zogen alle drei nach der Würfelbude, würfelten und gewannen nichts. Dann setzten sie sich in ein großes Schiff, welches an einem hohen Gerüst hin und her schaukelte, und trieben darin Allotria. Dann zog ein unartikuliertes Geheul, wie von Wilden, Fritzis Aufmerksamkeit an, und die Athleten waren gleich bereit, mit ihr in die Bretterbude, welche die Aufschrift „Wildafrika“ trug, hineinzugehen. In der jammervollen, halbdunklen Bude, die über der bloßen Erde stand, war ein dicker Dunst von Holzkohlen und Petroleumqualm; ein einziger magerer, frierender Neger sprang unter eintönigem Geschrei von einem Fuß auf den andern, und ein heiserer junger Bursche behauptete, daß der Wilde Kriegstänze aufführte. Fritzi war in ihrem Elemente. Sie schrie und lachte und klatschte in die Hände, während Binder und Roditscheff ihr die Wangen streichelten und sie verliebt in die Arme zwickten. Endlich war sie der Schaubuden müde und wollte nun zu den Ringkämpfern. Lachend kamen die Athleten auch diesem Wunsche der Chansonette nach.
Ein rundes Leinwandzelt bildete den Zirkus, in dem die Kraftmenschen zu sehen waren. Gartenstühle, die von Lehrlingen und Burschen eingenommen waren, schlossen die Arena ab. Das Zelt war nur durch Petroleumlampen erhellt, und statt der Ringmatte gab es nur ein wenig Lohe. Als die drei das Zelt betraten, waren die in schmutzige, geflickte Trikots gekleideten Kraftkünstler gerade damit beschäftigt, Gewichtstangen mit übermäßig großen hohlen Kugeln zu stemmen. Das dankbare Publikum, welches die Gewichte für echt hielt, jauchzte den vermeintlichen enormen Leistungen leidenschaftlich zu... Dann kam der zweite Teil der Vorführung. Gustav, Fritzis Freund, ließ die Stangen und Gewichte aus dem Wege räumen und hielt eine kleine Ansprache an das Publikum. Er war bei weitem der hübscheste, stärkste und ansehnlichste Athlet unter seinen vier Kollegen, die mit ihm in dieser primitiven Arena standen. Anstatt aber die wirklichen Namen der jungen Leute, die sämtlich dem Athletenklub „Deutsche Eiche“ angehörten, zu nennen, rief er hochklingende und berühmte Namen auf:
„Winzer, Hamburg! — Franz Sauerer, München! — Albert Sturm, Berlin! — Lassartesse, Frankreich! —“
Er kam nicht weiter; Binder und Roditscheff waren in dröhnendes Gelächter ausgebrochen, und Roditscheff schrie, stoßweise, unter Lachen:
„Ach, du freches Tier! — Der Sauerer! — Der Sturm! — Der Lassartesse! — Die müßten dich auf den Hintern setzen, hier, auf deinem Rummel! —“
Das Publikum, welches nicht wußte, um was es sich handelte und in den laut lachenden Herren nur Störenfriede sah, begann zu murren. Der Ringer Gustav aber, der mit einem Blicke die Situation übersehen hatte, war mit einem Sprunge, wie ein Tiger, außerhalb des Zuschauerringes bei den Champions und flehte sie leise und hastig an, ihn nicht zu kompromittieren. „Nein, nein! ist allright!“ versicherten Roditscheff und Binder. Gustav schleuderte einen wuterfüllten Blick auf Fritzi, raunte ihr aber zu, daß sie sofort nach dem Ringkampfe hinter dem Zelt sein sollte; er müßte ihr etwas sagen. Fritzi nickte, und schon war er wieder in seiner Arena. Das Publikum applaudierte in der Meinung, daß er die Störenfriede beruhigt hätte. Nun konnte der Ringkampf endlich anfangen!