Gustav verkündete laut die hier geltenden Kampfregeln: jeder Kampf sollte drei Minuten dauern. Seine Stimme klang rauh und heiser vor Wut. Wer anders, als Fritzi, hatte die beiden Athleten, vor denen er sich mit der von ihm geleiteten kleinen Truppe lächerlich gemacht hatte, indem er die Namenlosen mit klangvollen Namen schmückte, hierher auf den Rummel geschleppt? — Mit heiserer Stimme, Zorn und Rache im Herzen, erklärte er nach Ablauf der drei Minuten, daß der Kampf als unentschieden abgebrochen sei. Nun führten zwei der jungen Budenringer eine offenbar vorbereitete Komödie auf. Derjenige, der hier unter dem Namen des Hamburger Athleten Winzer figurierte, nannte den schwarzlockigen, jungen Menschen, dem der Name Lassartesse beigelegt wurde, einen „Schieber“ und forderte ihn zu einem Match heraus. Einen Taler sollte der Einsatz von beiden Seiten betragen! Der junge Mensch, der das Deutsche übertrieben radebrechte, erklärte sich dazu bereit. In unternehmender Haltung traten sie zum Kampfe an und ehe zwei Minuten um waren, lag der echte oder scheinbare Franzose auf dem Rücken. Nach Ansicht des Publikums hatte der Deutsche einen schwerwiegenden Sieg errungen und einen Taler dazu! —
Gustav kündigte an, daß nach einer Pause von fünf Minuten die nächste Vorstellung stattfinden werde, und ging, ehe die Zuschauer das Zelt verließen, noch mit dem Teller sammeln. Roditscheff und Binder warfen zwischen die Nickelstücke jeder einen Taler, für die Gustav, innerlich fast erstickend vor Wut, noch eine Verbeugung machen mußte... Als die Champions das Zelt verließen, blickten sie sich nach ihrer kleinen Begleiterin um. Fritzi war verschwunden. „Ach, der Pummel wird schon wiederkommen!“ meinte Sergej, „wir gehen langsam weiter, Aloys.“
Fritzi war geschwind, wie eine Eidechse, hinter das Zelt geschlüpft. Auch sie ahnte nichts von der Ursache des Intermezzos. Gustav stand schon da, eine Jacke über das apfelgrüne Trikot gezogen. Die Chansonette sprang flüchtigen Fußes zu ihm hin, aber ehe sie ein Wort, eine Frage aussprechen konnte, trat Gustav mit verzerrtem Gesicht einen Schritt vor und hieb ihr rechts und links mit den großen Tatzen fürchterliche Ohrfeigen, während er ihr heiser zuflüsterte:
„Du Dirne! — du! — mußtest auch noch mit diesen Kerlen anfangen —! mir zum Possen, du Bestie! — Lasse dich nie wieder vor mir blicken, sonst schlag’ ich dich tot! —“
Sie wollte eine Erklärung haben, aber er ließ sie nicht zu Worte kommen, und als er eine Sekunde von ihr abließ, lief sie heulend, wie gehetzt, davon. Gustav tat einige Schritte hinter ihr her, kehrte aber alsbald wieder um. Wenigstens hatte er seine Rache an ihr gekühlt! „Gemeines, schamloses Frauenzimmer,“ murmelte er zwischen den Zähnen und kehrte in sein Zelt zurück. —
Binder hatte Fritzi inzwischen erspäht; sie stand schluchzend abseits und hielt das Taschentuch vors Gesicht.
„Was hast du denn?“ fragten die Athleten.
Fritzi antwortete nichts und weinte nur noch stärker. Roditscheff, mit seiner starken, lächelnden Gutmütigkeit, zog ihr die Hände weg. Sie sahen das niedliche Mädchengesicht von Tränen des Zornes und Schmerzes überströmt und die zarten Wangen geschwollen und brennend gerötet. Beide wußten sofort, was geschehen war und ahnten den Zusammenhang. „Na, Mäderl —!“ tröstete Aloys, „mach’ dir nichts aus dem frechen Kerl und höre auf zu weinen... Wenn ich ihn wieder treffe, spreche ich noch ein Wörtchen mit ihm; dann kann er sich die Ecke aussuchen, in die er fliegen will —! komm her, mein Kätzchen, sei wieder lustig! wir lassen uns zusammen photographieren! —“
Langsam beruhigte sie sich. Alle drei spazierten nach der Bude des Momentphotographen. Vorher machten sie an einer Würstelbude Station, und während sie mit Appetit mehrere Paar Würstchen verzehrte, fand die kleine, eitle Person noch Zeit, ein Pudernecessaire herauszuziehen und das Gesichtchen weiß zu pudern. Noch ein Strich mit dem roten Taschenstift über die zitternden Lippen; nun trug ihr Antlitz fast keine Spuren der Ohrfeigen und der hastig geweinten Tränen mehr. Sie lächelte schon wieder, als sie die Photographenbude betraten.
Sie stellten sich nebeneinander auf, Fritzi in der Mitte. Während der Photograph seinen Apparat einstellte, griff Aloys Binder der Chansonette von hinten um die Taille, suchte ihren Busen mit der Hand... In diesem Augenblicke flammte das Blitzlicht des Photographen auf. — —