„Ach Gott — das ist’s auch,“ sagte Freidank mit innerer Qual. „Man hat Zeiten, Tönnies, in denen man keinen Menschen sehen möchte... Keinen... Das geht wieder vorüber...“

„Hoffentlich,“ sprach Tönnies herzlich. „Du wirst kein Pessimist werden, Freidank. Das wäre nicht richtig, glaube mir... Nun, du wirst selbst wissen, was du zu tun hast! Ich weiß, du gehst deinen geraden Weg...“ „Ja,“ antwortete Eberhard fest, während sich in seinen Kopf der Gedanke einschlich, ob Tönnies sein Tun wohl für den geraden Weg halten würde....

„Also das ist sicher, du lässest uns nicht sitzen!“ mahnte Tönnies noch einmal beim Abschiednehmen. „Auf Wiedersehen!“ —

Im Theater war Eberhard heute der Held einer Sensation. Im Vestibül klebten riesige, rote Plakate und dem Programm waren gleichlautende Zettel beigegeben, welche besagten, daß Roland den Münchener Binder zu einem freien Revanchekampfe herausgefordert habe. Das Publikum versprach sich von diesem Kampfe einen besonderen Genuß; sollte doch ohne Pause bis zur Niederlage einer der beiden Athleten gerungen werden.

Eberhard runzelte die Stirne, als er die schreiend grellen Plakate erblickte. Das war wieder so ein Trick der Kampfleitung, das! Er selbst hatte nicht daran gedacht, Aloys Binder herauszufordern. Aber es mußte um jeden Preis eine Sensation in die Ringkämpfe hineingetragen werden. Jetzt, um die Weihnachtszeit, erwiesen sich nicht einmal die Entscheidungskämpfe, die gegen Mitte des Monats begonnen hatten, als genügend wirksamer Kassenmagnet. Darum wurden Extrakämpfe eingeschaltet, die, wie das Publikum glauben mußte, lediglich aus Ehrgeiz, außerhalb der Konkurrenz, zwischen einzelnen Ringern ausgetragen wurden.

Im Foyer blühte heute das Geschäft der Buchmacher. Bereits wurden allabendlich hohe Summen auf die endgültigen Sieger der Ringkämpfe gewettet. Aber die letzten Entscheidungen lagen noch in weitem Felde. Inzwischen wurde lustig auf die Extra-Kämpfe gewettet und verloren...

Als Eberhard das Vestibül durchschritt, hörte er hinter sich und zu beiden Seiten flüsternde Stimmen, die seinen Namen nannten. Er wendete sich nach niemand um und blickte finster gradeaus. Er hatte sich bereits jene düstere, abwehrende Haltung angewöhnt, mit der die großen Champions sich die unerwünschten Verehrer fern halten. Er wußte es selbst, es war eine theatralische Pose, aber dennoch hatte er nicht die Absicht, sie aufzugeben. Es war ein Leben des Scheins, ein Leben voller Scheinerfolge, welche aber ebenso bejubelt und so glänzend honoriert wurden, wie echte Erfolge. Die Kraft allein war echt....

Es war noch so zeitig, daß Eberhard hoffen konnte, in der Garderobe keinen Kollegen zu treffen. Aber Binder saß doch schon am Tische und versteckte bei Eberhards Eintritt einen Zettel.

„’n Abend,“ sagte Freidank, wider Willen unangenehm berührt. „Ach, ich habe Sie nicht stören wollen!“

„Sie stören mich nicht,“ sagte Aloys. „Ich schreibe nur ’ner Chansonette... einem hübschen, brünetten Pussel.... Sie sind auch für so was, Roland...!“