Eberhard trank sein Bier aus und dachte kaum mehr an den Zwischenfall, als er die Ringkämpfergarderobe betrat. Alsbald brachte ihm der Kellner ein Briefchen, in dem Fritzi ihm in ihren kindlichen, ungeübten Schriftzügen mitteilte, daß sie nicht ganz wohl sei und darum’ früh nach Hause gehen würde, um auszuschlafen. Während er den Zettel las, fühlte er Binders höhnisch funkelnde Blicke auf seinem Gesichte. Aufblickend, gewahrte er auch ein fatales Lächeln des Müncheners, der in seiner Lieblingsstellung in Unterhosen auf einem Koffer hockte.

„Was haben Sie?“ fragte Eberhard, indem er sich mühsam beherrschte.

„Ich? — Zehn Rendezvous, zwanzig Liebesanträge!“ lächelte Binder, „und Sie haben wahrscheinlich einen Brief von Ihrer Dulcinea... Ich kenne das... Na, lassen Sie sie schießen! Ich trete Ihnen als Ersatz gern meinen Reisedrachen ab... Celeste, die Sie im stillen anschmachtet..“

Eberhard sagte zornig: „Ich danke.“ Er ging mit schweren Tritten an seinen Koffer und kleidete sich an, während er ohne Unterlaß an Fritzi dachte, an Fritzi, die krank war, während er auf die Weihnachtskneipe mußte. In dieser Stunde verfluchte er sich selbst, sein Leben, seinen neuen Beruf und seine Zukunft. Er verfluchte seine Kollegen, die unter läppischen Gesprächen herumstanden und sich zur Vorstellung ankleideten. Er wußte selbst nicht recht, was er heute abend gegen die Ringkämpfer hatte. Sie kamen ihm sämtlich so ordinär vor, so brutal, so gemein... Oder war daran nur dieser Kerl, der Binder, schuld? Binder erzählte laut und schamlos von seiner Freundin Celeste, während er mit ruckweisen Bewegungen die Trikots anlegte:

„Sollte man es denken, Kiesling? — Vorgestern wurde sie frech. Ich kam abends mit ’nem Weib nach Hause; Celeste saß am Tisch und wartete auf mich. Das Weib war ’ne Dame, müßt ihr wissen, darum ließ ich sie erst im Korridor warten, schob meine Celeste in die Wohnstube und sperrte die Tür zu. Dann holte ich meine Dame herein. Kaum wird die Dame etwas warm, kriegt der Drachen nebenan einen Weinkrampf... heult... schreit... poltert gegen die Türe... Die Dame bekommt einen Mordsschreck und will wissen, wer da lärmt. Ach, eine dumme Chansonette, die ich mir aus dem vorigen Engagement mitgenommen habe, weiter nichts, sage ich. Aber trotzdem ließ die Dame sich nicht mehr beruhigen und lief mitten in der Nacht davon!“

„Und?“ fragte Kiesling ohne besonderes Interesse.

„Und? —“ erwiderte Binder höhnisch lächelnd, „und Celeste hat zwei Tage nicht ausgehen können, so viel Schläge hat sie bekommen. Ich habe sie gehauen, bis sie freiwillig versprochen hat, zukünftig die Damen, die mich besuchen, wie eine Magd zu bedienen, wie eine Sklavin... auf den Knieen, wenn ich’s verlange...“

„Deine Sache...“ sagte Kiesling gelassen, und Binder fuhr fort:

„Ihr Geld reicht ohnehin nur noch ein paar Monate... Ihre Mitgift kann sie nicht angreifen; ich hab’ nur ihr persönliches Vermögen in den Händen... Wenn ihr Geld zu Ende ist, kann sie meinethalben zu ihrem Ehemann zurückkehren, dem sie mit mir davongelaufen ist!“

Mehrere Athleten lachten, andere, welche diese unnoble Handlungsweise nicht billigten, zuckten die Achseln. Niemand aber fand, daß diese Liebesaffäre des Ereiferns wert gewesen wäre. Mein Gott.... jeder nahm, was er bekommen konnte....