Als die Ringkämpfer die Bühne betraten, bemerkte Eberhard, daß Madame Celeste doch im Theater war. Sie hatte sich also von ihrem Schmerzenslager aufgerafft, nur um ihren Peiniger ringen zu sehen... Sie sah sehr blaß aus und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Freidank war es auch, als ob Celeste heute nicht anbetend, wie sonst, sondern mit einem eigentümlich entschlossenen, harten Ausdruck im Gesicht zu Binder hinaufsah. Er konnte nicht zum zweitenmal hinsehen, weil er nun seine ganze Aufmerksamkeit auf den Kampf gegen Aloys richten mußte.
Ein Pfiff gellte durch das stille Theater. Die beiden Athleten gingen schnell aufeinander los, Binder, nach seiner heimtückischen Art, mit gesenktem, vorgestrecktem Kopfe, Freidank mit äußerer Ruhe. Jeder hielt die Augen fest auf die Hände des andern gerichtet, jeder griff nach des Gegners Handgelenken und suchte den andern von Zeit zu Zeit durch einen schnellen, listig angebrachten Griff zu überrumpeln. Aber keiner bekam ein Übergewicht über den andern.
Das Theater lag in atemlosem Schweigen. Mit Herzklopfen verfolgten die Hunderte im Saal und in den Logen den Kampf, in dem die Kämpfer ihre besten Kräfte noch zurückhielten. Die Sekunden dehnten sich endlos lang, die Minuten wuchsen in die Ewigkeit hinein. Plötzlich, mit einem gewaltigen Schritt, waren beide Ringer dicht aneinander und umschlangen sich gegenseitig mit einem Griffe, der jedem gleiche Chancen bot und welchen die Ringer Zwiegriff nennen.
Und wieder ein herzbeklemmendes Zuwarten! welcher wird seine Chance ausnützen? — Der Münchener! Er hob Roland wild, zornig, ruckweise auf und schleuderte ihn zu Boden. Beide wälzten sich übereinander, Roland hockte auf dem Teppich, und Binder bemühte sich mit aller Kraft vergebens, den unbeweglich Dasitzenden aus seiner Stellung zu bringen.
Der erste Gang war vorüber; die Ringer traten schweißbedeckt, mit verwirrten Haaren, von der Bühne ab und wurden mit rauhen Handtüchern abgetrocknet. Währenddessen trat Markus auf Freidank zu und flüsterte:
„Wie lange wollt Ihr ringen? Länger als dreißig Minuten?“
„Möglich —,“ sagte Eberhard mit einer unbestimmten Geste.
„Zum Teufel, Roland, das muß doch abgemacht sein!“ sagte der Manager ärgerlich, „hab’ ich ’ne Ahnung, wann ich abpfeifen soll?“
„Werden es schon merken,“ erwiderte Freidank kurz und ging wieder aus der Kulisse heraus, um weitere Fragen abzuschneiden.
Wer von den Zuschauern den Ringkampf für ein Spiel gehalten hatte, der wurde an diesem Abende inne, daß es auch Kämpfe von blutigem Ernst gibt. Die Spannung und Erbitterung der beiden Athleten, die einander lauernd gegenüberstanden, teilte sich langsam dem Theater mit. Die verhaltene Kraft, die scharfe Anspannung aller Sinne trieb den Kämpfern den Schweiß aus allen Poren, jagte ihr Blut in rotem Wirbel durch die Adern. Wenn sie einander gewaltsam anpackten, schallte das Klatschen der grob gefaßten Griffe bis in die hintersten Winkel des weitläufigen Theaters.