— Die Kneipe der Munichen im oberen Stockwerk war schon zu Ende.
Man hatte sie ihr Kneipzimmer verlassen und die Treppe hinabsteigen hören. Dann trat Tönnies einmal zufällig auf den Treppenflur hinaus und lief gegen einen Munichen an, der gerade die dunkle Treppe herabkam. Er entschuldigte sich höflich und bat den Munichen, ein Weilchen Gast der Gryphianer zu sein. Gemeinsam traten beide junge Männer ein. Die Türe blieb offen stehen. Ein kalter Luftzug fuhr Freidank ins Gesicht; er drehte sich um:
„Tönnies, bitte, schließe die Tür!“
Der Muniche sah Freidank ins Gesicht, fragend, erschrocken, unsicher... Aber er hatte keine Zeit, irgendwelche Zweifel oder Vermutungen auszusprechen, da er von dem Kneippräsiden begrüßt und gastfrei aufgenommen wurde. Eine halbe Stunde flog dahin in munterem Gespräch. Und dann, jäh, zwingend, wie das Grauen sich immer zu nahen pflegt, trat plötzlich ein unsichtbarer, eisiger Gast in den Kreis der jungen Männer, lähmte die plaudernden Lippen, hielt den Schlag der Herzen zurück. Das Schweigen breitete sich aus, jeder fühlte es, obwohl es keiner sah, ohne Grund richteten alle Augen sich auf Eberhard Freidank....
Aber der Präside sprang auf; mit einem Schwerthieb wollte er das Grauen töten, entzweischneiden, in Nichts auflösen:
„Freidank! Kommilitone Freidank! von Herrn Höpfner-Munichiae ist soeben eine — ganz — erstaunliche — Beschuldigung gegen dich erhoben worden....“
Die Stimme des jungen Mannes bebte, die jungen, zuckenden Lippen wollten den Dienst versagen. Zu ungeheuerlich erschien ihm die Behauptung des Munichen, zu phantastisch die Idee.... Er rang nach Haltung und fuhr fort:
„Du sollst — im Odeontheater — einer der Konkurrenzathleten sein, du sollst — heute abend — mit einem — gerungen haben.... Freidank, sage, daß es nicht wahr ist......“
Unser Leben ist ein Würfelspiel; wir heben die Würfelbecher, betrachten die Würfel, zählen die Augen, wägen unsere Chancen.... Aber manchmal nimmt uns Einer den Becher aus der Hand, schüttelt ihn und schleudert den Inhalt heraus, daß wir das Aufklirren der beinernen Würfel hören. Ich habe es in schrecklichen Stunden gehört, und vielleicht auch du, und du kennst vielleicht das Grauen jener Sekunden, in denen die Schicksalswürfel dröhnend niederfallen. —
Eberhard Freidank stand auf und sagte leise und ernsthaft: